Stand: 06.02.2018 10:40 Uhr

Jugenderinnerungen an die DDR

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß
von Manja Präkels
Vorgestellt von Andrea Gerk
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Manja Präkels erzählt in ihrem Debütroman von dem Auftauchen verloren geglaubter Gespenster, von Freundschaft und Wut.

Über die brandenburgische Kleinstadt Zehednick wurde kürzlich heftig im Feuilleton debattiert, ausgelöst durch Manja Präkels autobiografisch fundierten Roman "Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß". Darin erzählt die 1974 in Zehednick geborene Autorin von ihrer Jugend in der DDR und wie ihr Freund Oliver nach dem Mauerfall zum Anführer einer Neonazi-Bande wird. Auch Moritz von Uslar hatte in seinem Buch "Deutschboden" über Neonazis in Zehednick geschrieben, und deren Läuterungsprozess, wie Manja Präkel findet, beschönigt.

Der nette Nachbarsjunge wird zum Neonazi

Am Anfang wirkt alles noch ganz harmlos: Als "Hitler" noch Oliver heißt, mit Mimi Fußball spielt oder die beiden Schulkinder sich auf Familienfeiern durch übermäßigen Genuss von Schnapskirschen bedröhnen, erscheint Manja Präkels Roman zunächst wie eine leicht ostalgische Kindheitsidylle:

Die Kirschen schmecken zwar scheußlich, aber sie waren unser Geheimnis, und darauf kam es an. Wir aßen sie mit verkniffenen Gesichtern, bis es uns würgte. Dann starrten wir apathisch aus dem Fenster, dem Regen hinterher, bis das zu langweilig wurde und zu heiß und zu eng. Leseprobe

Schleichend vollzieht sich Olivers Verwandlung vom netten Nachbarsjungen zum gemeingefährlichen Anführer einer üblen Neonazi-Bande, die die ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzt. Manche Szenen in diesem Buch sind so brutal, dass sie schwer zu ertragen sind. Dabei hat Manja Präkels die schlimmsten Erlebnisse aus dieser Zeit, die sie selbst erlebt hat, weggelassen, weil ihr dafür die Sprache fehlte. Beiläufig und umso erschreckender zeigt sie, wie sehr auch die normalen, unauffälligen Bürger dieser Kleinstadt an der Oberhavel schon vor der Wende von latentem Rassismus und Fremdenfeindlichkeit geprägt waren.

Anzeichen für Fremdenfeindlichkeit

"Also wenn man da so drin steckt, Kindheit, Jugend aber im Nachhinein ist mir das ganz bewusst geworden", erinnert sich die Autorin, "dass eigentlich viel früher, schon lange vorm Mauerfall, mir Sachen schon aufgefallen sind: Wie geredet wurde über die mosambikanischen Vertragsarbeiter, angolanische, über Menschen anderer Hautfarbe. Wie über Zigeuner gesprochen wurde oder auch Besuche in Mahn- und Gedenkstätten, wie Mitschüler, in Ravensbrück beispielsweise, wie kalt die das ließ und wie zynisch die sprachen. Im Nachhinein ist mir da klar geworden, dass da schon viel angelegt war."

Dass aus dem Gemeinwesen kaum Widerstand oder Einspruch gegen die brutalen Neonazis kam, mag mit der allgemeinen Desorientierung nach der Wende zusammenhängen, vermutet Manja Präkels: "Ein System wechselt, eins kommt und es entsteht eine Art Vakuum. Ich glaub viele Autoritäten sind verstummt, neue waren noch nicht da und ich glaub auch, ganz viele Leute wollten sich nicht festlegen. Also so ein kurzes Aufschrecken und wie geht es denn jetzt weiter. Genau da stießen diese menschenfeindlichen Gesinnungen auch rein in dieses Vakuum."

Ein angstfreies Leben ist unmöglich geworden

Während Oliver und seine Bande mit Baseballschlägern die Discotheken stürmen, Jagd auf Schwarze, Schwule und Punks machen, schreibt Mimi, die Erzählerin, als Lokalreporterin über die Gewalttaten. Sie und ihre Freund werden ebenfalls bedroht, ein angstfreies Leben ist nicht mehr möglich.

Manja Präkels hat Zehednick schon lange verlassen und lebt mit ihrem Mann in Berlin. Ihren Roman hat Manja Präkels einem Freund, Ingo Ludwig, gewidmet, der von den Neonazis zu Tode geprügelt wurde. Bis heute sind die Täter nicht belangt worden, laut Verfassungsschutz starb der junge Mann durch einen tödlichen Unfall.

"Ich finde auch verheerend, dass so viele Opfer bis heute nicht die angemessene Würdigung erhalten", empört sich die Autorin. "Es gab tatsächlich eine Zeit der Straffreiheit und ich fürchte, genau die Generation, die das damals erlebt hat, die das geprägt hat, das sind heute erwachsene Leute, die haben selber Kinder, die erziehen die wieder in diesem Geist. Das sind heute die Leute, die die AfD betreiben, maßgeblich Pegida unterstützen und auch jetzt wieder die alten Lieder singen, wie damals."

"Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß" ist ein bewegendes Buch, das spürbar macht, wie wichtig es ist, Haltung zu zeigen.

Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß

von
Seitenzahl:
232 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verbrecher
Bestellnummer:
978-3-957-32272-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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