Stand: 28.11.2018 13:34 Uhr

Kindheit in Syrien vor dem Krieg

Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen
von Luna Al-Mousli
Vorgestellt von Ita Niehaus
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Das Buch ist mit eigenen Grafiken der Autorin liebevoll gestaltet.

Die meisten Bücher über Syrien handeln von Krieg, Flucht und Vertreibung. Das neue Buch von Luna Al-Mousli gibt einen etwas anderen Einblick in die syrische Lebenswelt. Wie schon in ihrem mehrfach ausgezeichneten Debüt erzählt die junge Wiener Autorin mit syrischen Wurzeln über ihre Kindheit in Damaskus. "Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich" heißt Luna Al-Mouslis neues Werk.

Aufwachsen mit beiden Kulturen

In einer Großfamilie in Damaskus wächst Luna Al-Mousli um die Jahrtausendwende auf. Es gibt damals noch keinen Bürgerkrieg in Syrien. Der Spagat zwischen Ost und West prägt ihren Alltag als junges Mädchen. Gemeinsam mit einigen Cousinen etwa gründet sie eine "Girl Group" und probt für eine Aufführung zu Hause.

Die erste Sängerin, die uns total überzeugte, war Britney Spears. Da passte alles. Die Stimme, der Beat, die Melodie. Unsere erste richtige Choreographie übten wir zu.... "Baby One More Time". Kein Lied verpasste mir einen solchen Ohrwurm wie dieses.  Leseprobe

Genauso selbstverständlich wie die Pop-Musik gehört auch das Gebet zum Leben dazu: "Quasi verschwitzt, noch diese Tanz-Beats voll verinnerlicht, gehen wir ganz schnell Gebetswaschungen machen und stellen uns in 'ne Reihe und lesen Koransuren mit meiner Oma. Und irgendwie hat das dann trotzdem miteinander funktioniert. Weil ich den Raum hatte, beides ausleben zu können", erzählt die Autorin.

Erinnerungen an die Kindheit in Syrien

Luna Al-Mousli wandert bereits 2004 mit ihren Eltern und Geschwistern nach Österreich aus, die Großfamilie lebt inzwischen in der ganzen Welt zerstreut. Das Syrien ihrer Kindheit gibt es nicht mehr. Umso wichtiger ist es der jungen Autorin, uns mitzunehmen auf eine Reise zurück in die Vergangenheit. Das Besondere: Al-Mousli erzählt aus der Perspektive eines Kindes, das den Islam als ganz normalen Alltag in Damaskus erlebt.

Anders als zum Beispiel in Österreich, stellt die Autorin fest: "Wenn es um den Islam geht, geht es immer nur um dieses 'Wir müssen darüber diskutieren'. Ich habe das Gefühl, ich muss mich immer nur verteidigen. Dafür, dass ich so bin, wie ich bin. Und dann hatte ich das Gefühl, ok, es gibt doch Texte, die auch mit einem Lächeln betrachtet werden können, einem Augenzwinkern."

Persönlicher Blick auf den Islam und seine Bräuche

Von solchen Texten gibt es einige in ihrem Buch. Al-Mousli schreibt über das, was ihr in ihrem Leben etwas bedeutet als Kind: über den Großvater, dem es im Ramadan schwerfällt, auf Kaffee und seine geliebten Zigaretten zu verzichten, über die Tanten, die verheiratet werden sollen und natürlich auch über den Koranunterricht:

Die Geschichten in der Koranstunde waren oft sehr dramatisch. Die Superhelden mussten ihre Heimat verlassen, in die Ferne ziehen und wieder ganz von vorne anfangen. Aber immer kämpften sie gegen das Böse und retteten die Menschheit. Also wie Batman und Superman, nur ohne Maske und Cape. So war die Koranstunde fast besser als Fernsehen. Leseprobe

Von der frommen Oma bis zur eher säkular eingestellten Tante - Luna Al-Mousli ist mit der ganzen Vielfalt des Islam groß geworden. Sie sagt: "Es ist eine Beziehung, die auch durch diese vielen Tanten, diese zwei Omas, die den Islam wirklich unterschiedlich ausleben, mit so einem Hin und Her verbunden ist. Hier wird mir das erzählt, dort wird mir das andere erzählt. Dann heißt es, Luna, eigentlich geht es nur darum, dass du deinen eigenen Zugang und deinen eigenen Weg findest. Aber alles ist korrekt."

Al-Mousli ist eine wunderbare Geschichtenerzählerin. Oft kommt es einem so vor, als säße man neben ihr auf dem Sofa.

Ein liebevoll gestaltetes Buch

Es ist ein liebevoll gestaltetes Buch - mit 60 farbigen Zeichnungen, die die Autorin, sie ist nämlich auch Grafikerin, selbst gemacht hat. "Es fügt sich ein Bild nach dem anderen ein, ganz weit hinten werden diese Bilder zu dem großen Teppich. Die Geschichten sind ja auch so ineinander verwebt - man kommt von einer Geschichte in die nächste und plötzlich ergibt sich einfach ein großes Bild. Und das ist beim Teppich genauso", erklärt Mousli.

"Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen oder Der Islam und ich" ist ein erfrischendes Buch in Zeiten phobisch aufgeheizter Debatten. Es zeigt den ganz normalen muslimischen Alltag in einem Syrien vor dem Krieg. Nicht nur für Kinder und Jugendliche.

Als Oma, Gott und Britney sich im Wohnzimmer trafen

von
Seitenzahl:
144 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Weiss Books
Bestellnummer:
978-3-86337-171-5
Preis:
15,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 29.11.2018 | 12:40 Uhr

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