Stand: 08.12.2019 12:40 Uhr  - NDR Kultur

Gangster in New Yorks High Society

Killer's Choice
von Louis Begley, aus dem amerikanischen Englisch von Christa Krüger
Vorgestellt von Lisa Kreißler
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Begleys Krimi enthält unangenehm viele brutale Passagen.

Als der New Yorker Staranwalt Louis Begley 1991 mit seinem Roman "Lügen in Zeiten des Krieges" debütierte, war er bereits fast 60 Jahre. Ein spätes Debüt, das jedoch der Startschuss zu einer internationalen Schriftstellerkarriere werden sollte. Während Begley in diesem ersten Buch über seine Erfahrungen als polnischer Jude im Europa des Zweiten Weltkriegs erzählte, wendete er sich in den folgenden Romanen dezidiert seiner neuen Heimat Amerika zu. Mit seiner Expertise über das amerikanische Rechtssystem erschuf er die Figur des Anwalts Schmidt, der vor allem in Deutschland eine große Fangemeinde fand. Sein neuer Roman "Killer’s Choice" ist im Gangstermilieu der New Yorker High Society angesiedelt.

Als eines Abends das Telefon des Ex-US-Marines, inzwischen Bestseller-Autors, Jack Dana klingelt, ist er sich sicher, es müsse seine Kuschelpartnerin Heidi sein. Die aufstrebende Anwältin, die sich eigentlich aus Männern nichts macht, aber doch zunehmend oft ohne Schlafanzugoberteil mit Dana ins Bett geht, ist gerade für Verhandlungen nach Hongkong geflogen. Aus dem Telefon strömen aber nicht die zärtlichen Worte Heidis, sondern Schreie.

Dana wird per Telefon Zeuge von Folter und Metzeleien

Nach einer Weile, die mir unendlich lang erschien, aber in Wirklichkeit kaum länger als fünf Minuten dauerte, sprach mich eine dunkle Männerstimme an. So laut, dass sie die Schreie übertönte.
Hübsch, sagte der Mann. Schreien gut, deine Freunde. Lass ihn zuhören, soll er seine Freude haben, hat der Boss gesagt. Leseprobe

Am anderen Ende der Leitung werden Jack Danas Freunde, das Ehepaar Lathrop, in aller Ausführlichkeit zu Tode gemetzelt. Für Dana sind derartige Zwischenfälle nicht ungewöhnlich. Denn der Beststeller-Autor ist auch eine selbst ermittelnde Kampfmaschine. Erst vor Kurzem hat er den Mord an seinem Onkel Harry gerächt, indem er den blutrünstigen texanischen Milliardär Abner Brown in den Selbstmord trieb.

Der Autor steckt nun selbst in Schwierigkeiten

Nach dem Massaker an den Lathrops steckt er nun selbst in Schwierigkeiten. Denn die Mörder haben es, auf ihn abgesehen. Eine mysteriöse Kreatur hackt sich in seinen Laptop und beginnt über das Symbol einer tanzenden Kobra einen obszönen Chat-Dialog mit Superman Dana.

Als ich den Deckel meines Laptops zuklappen wollte, wurde der Bildschirm schwarz, genau wie vor der ersten Botschaft vom Boss. Wieder erschien die Kobra und dann eine Nachricht:
Du hast kein Hirn und kein Glück. Wann und wie ich dich kaltmachen werde, weiß ich noch nicht, nicht mal, ob überhaupt. Aber du wirst den Tag verfluchen, da du geboren bist, und die Nacht, da man sprach, ein Knabe ist gezeugt. Leseprobe

Dana ist in Gefahr und auch seiner Geliebten Heidi drohen die Schlächter Unangenehmes an. Das FBI engagiert sich nur halbherzig um den Personenschutz der beiden, was, wie Dana weiß, daran liegt, dass er mit der Entlarvung Abner Browns als Mörder zu tief in die korrupten Sphären von Trump-Amerika vorgedrungen ist.

Es fällt nicht leicht, Begleys Text in der Gegenwart zu verorten. Sprache und Plot-Struktur kommen so altmodisch daher, dass man eine ganze Weile noch darauf hofft, dieser Wurf könnte die Karikatur einer historischen Form des Krimigenres sein. Begley verwendet beinahe den gesamten Raum darauf, die Informationen des simplen Falls zu organisieren und zu wiederholen. Wo Netflix mit seinen eleganten Erzählweisen in Sachen Killer and Crime uns längst mit neuen Fähigkeiten der Kontextualisierung geschult hat, wirkt Begleys Erklär-Einmaleins behäbig und antik.

Der Krimi endet unbefriedigend

Die Situation um Jack Dana spitzt sich ohne eine einzige überraschende Wendung zu und endet in einem verschenkten Folterspektakel. Weder die Begegnung zwischen dem Killer und Jack Dana wird psychologisch ausgearbeitet, noch die Wirkung der Quälerei auf den Protagonisten. Begley reiht die Bauklötze seines Dramas nebeneinander auf, ohne daraus etwas Eigenes zu erschaffen.    

Da hilft es auch nichts, dass Danas treuer Diener, der chinesische Ex-Polizist Feng, die Brücke von Amerika zu einem anderen korrupten politischen System auf der Weltkarte schlägt. Die gesellschaftliche Aktualität in "Killer's Choice" ist nicht habhaft im Text, so wenig wie Jack Danas Geschichte ihre Flügel auszubreiten vermag.

Dem edlen Feng verdanken wir aber immerhin eine schöne Weisheit, die vielleicht doch noch eine Erklärung für die quälende Ratlosigkeit beim Leser bereithalten mag:

Die hohen Ziele eines Schwans übersteigen das Verständnis der Schwächlinge, die nicht zu träumen wagen. Leseprobe

Killer's Choice

von
Seitenzahl:
252 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42879-5
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.12.2019 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Louis-Begley-Killers-Choice,killerschoice102.html

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