Stand: 10.11.2018 17:40 Uhr  | Archiv

Bedrohte Zivilisationen

von Guido Pauling

Drei Jahre lang, von 2015 bis Ende 2017, hat der Fotograf und Greenpeace-Aktivist Markus Mauthe die unterschiedlichsten Länder der Erde bereist und dort die entlegensten Winkel aufgesucht: Mauthe fotografierte in Westpapua, in Namibia, in Myanmar und in Brasilien, in Russland oder auch in Äthiopien. Seine Motive waren dabei stets Menschen aus kleinen, ursprünglich fernab der Zivilisation lebenden Volksgruppen, denen die Zivilisation zunehmend nahe rückt - und damit deren Leben für immer verändert.

Graubrauner, trockener Boden bis zum Horizont. Eine verschwommene Trennlinie, dahinter endloser, neblig-grauer Himmel. Eine Herde Rinder mit mächtigen Hörnern und gräulich-weißem Fell füllt das Bild aus; einzelne Tiere stehen angepflockt und blicken dem Betrachter entgegen. Ebenso wie die beiden Rinderhirten, zwei junge, beeindruckend stolz und aufrecht dastehende Männer vom Stamm der Mundari, deren Kleidung - eine Art Kittelhemd und ein um den Körper gewickeltes Tuch - ebenfalls von gräulich-brauner Farbe ist. Alles wirkt grau in dieser staubigen Gegend des Südsudan; sogar die Gesichter und Oberkörper der Männer sind mit Asche eingerieben, um Stechmücken abzuhalten. Kärglich ist die abgelegene Region am Weißen Nil, in der sie leben und ihre Kultur bewahren mit langgehörnten Rindern als größtem Reichtum.

Traditionen können verloren gehen

Tausende Kilometer weiter westlich, auf einem ganz anderen Kontinent, gleitet ein Einbaum nahezu lautlos über das Wasser des Xingu, einem Nebenfluss des Amazonas. Der kräftige, fast nur mit einer dicken Halskette bekleidete Steuermann lenkt das Gefährt mit sachten Bewegungen, während im Bug aufrecht stehend ein Jäger im Lendenschurz ganz vorsichtig die Sehne des Bogens spannt, von dem aus sein langer, schlanker Pfeil gleich losschnellen wird.

Eine echte Jagdszene oder ein gestelltes Foto? "Ich habe versucht, nichts zu fotografieren, was es nicht mehr gibt. Und wenn ich es doch getan habe, dann habe ich es auch ganz klar beschrieben. Im Amazonas, da war ich bei den Minaku, die haben mir zum Beispiel gezeigt, wie sie früher gefischt haben mit Pfeil und Bogen auf dem Einbaum. Das machen sie heute nicht mehr. Aber: Pfeil und Bogen sind noch da, der Einbaum ist noch da und das Können ist noch da! Da habe ich ganz klar gesagt, das müssen wir nochmal festhalten, denn das wird es so nicht mehr lange geben! Die nächste Generation kann es gar nicht mehr, der Einbaum wird verrottet sein und Pfeil und Bogen sind dann auch weg", erzählt Fotograf Markus Mauthe von seiner Expedition zu Menschen an den Rändern der Welt.

Es ist mühsam, die alte Lebensart zu bewahren

Mühsam bewahren die Himba in Namibia und die Bodi in Äthiopien, die Padaung in Myanmar und die Tschuktschen in Russland die Lebensart, die sie seit Generationen kennen und die vom modernen, westlich-globalen Lebensstil zunehmend überlagert wird. "Das Gemeine an der Sache ist: Man gibt ihnen keine richtigen Chancen. Man hält ihnen einerseits den Weg versperrt, so zu bleiben wie sie sind, aber man nimmt sie andererseits nicht mit in die neue Welt. Wenn ich eine alte Kultur auflöse, den Menschen aber nicht die Möglichkeit gebe, in der neuen Welt zum Beispiel an Geld zu kommen mit einem Arbeitsplatz oder irgendetwas, das für uns ganz selbstverständlich ist, dann landen diese Menschen in der Bedeutungslosigkeit. Das passiert leider bei sehr vielen Gruppen auf der Welt."

Mauthe porträtiert Farbige und Weiße, junge und alte Menschen - Gesichter, in denen man geradezu ein Leben lesen kann, Stolz und Selbstbewusstsein ebenso erkennt wie manchmal auch Bitterkeit, vergangene oder sehr gegenwärtige Verletzungen. Es sind fast nur die Kindergesichter, die Freude, Neugier und Witz ausstrahlen und mit ihrem Schalk den Betrachter bezaubern.

Dokumentation: "An den Rändern der Welt"

Über die Arbeit des Fotografen Markus Mauthe bei diesem Projekt ist gerade ein Film in die Kinos gekommen: "An den Rändern der Welt" zeigt Bilder von den Begegnungen Mauthes mit den Menschen, die er fotografiert hat, zeigt die Mühsal und die Freude bei seiner Arbeit.

Der Klimawandel erreicht auch die entferntesten Orte der Erde

So unterschiedliche Weltregionen Mauthe auch bereist, in ihnen gefroren und geschwitzt, gezittert und gelacht hat - eines hat er überall gespürt: "Dieses große Überthema, das sich durch meine ganze fotografische und ökologische Arbeit zieht, nämlich: Wandel. Genauer: der Klimawandel. Dass dieser Wandel praktisch bis in die letzten Ecken unserer Erde reicht. Ob ich jetzt im Regenwald bin, wo es trockener wird oder im Eis, wo des schmilzt, oder in den Wüsten, die sich immer weiter ausbreiten - in kaum einer Region, die ich für diese indigenen Gruppen besucht habe, war dieses Thema nicht präsent."

So wunderschön, berührend und künstlerisch ansprechend die Menschen in diesem Bildband auch vorgestellt werden - manche Bildunterschrift, vor allem aber der Titel verrät, wie es tatsächlich um sie und ihre Kulturen steht: Sie sind "lost".
Dahin. Verloren.

Lost - Menschen an den Rändern der Welt

von Markus Mauthe (Fotografie), Florens Eckert (Text)
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
27,0 x 31,7 cm, gebunden mit SU, mit 260 farbigen Abbildungen
Verlag:
Knesebeck
Bestellnummer:
978-3-95728-138-8
Preis:
50,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 11.11.2018 | 17:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Lost-Menschen-an-Raendern-der-Welt,lost104.html

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