Stand: 19.09.2019 11:09 Uhr

Llucia Ramis: Katalanische Töne beim Harbour Front

von Patricia Batlle

Beim Hamburger Harbour Front Festival lesen viele große Namen. Eine Neuentdeckung ist sicherlich die in Spanien gefeierte Llucia Ramis, deren auf Katalanisch geschriebenes, aktuell auf Deutsch erschienenes Buch "Verortungen", als Generationsroman gilt. In der Heimat wurde sie mehrfach für ihren brillanten Umgang mit der katalanischen Sprache ausgezeichnet. NDR Kultur hat die Autorin vor Ihrer Lesung getroffen.

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Die 42-jährige Katalanin war mehrfach in Deutschland - als Journalistin und als Touristin. Aber noch nie in der Funktion einer Schriftstellerin.

Llucia Ramis arbeitet als Journalistin bei großen Tageszeitungen und beim Radio in Spanien, sie moderierte eine eigene Literatursendung im Regionalfernsehen und hat vier Romane veröffentlicht. Und trotzdem: "Ich komme zum ersten Mal als Schriftstellerin nach Deutschland und habe tierisches Muffensausen. Aber ich bin sehr glücklich, hier zu sein".

Llucia Ramis erzählt vom Verlust des Vergangenen

Sie liest auf dem Hamburger Museumsschiff Cap San Diego. Ihr Roman "Verortungen" handelt auf 234 Seiten kompakt von den großen Themen im Krisenjahr 2007, kurz vor der Rezession in Spanien: von Korruption in den Behörden und beim Bau, vom Journalismus, der nicht mehr als Vierte Macht dient; von enttäuschten Lieben; von Mord und Suizid, vom digitalen Stalken - und vom Verlust des Vergangenen. Die nicht benannte Ich-Erzählerin, eine Journalistin, fliegt anfangs von Barcelona nach Mallorca.

"Sie eilt zurück, weil ihr Vater verrückte Dinge macht", erzählt Ramis und fügt hinzu: "Plötzlich ist ihr Vater nicht mehr ihr Vater, sondern ein Fremder, der äußerlich verwahrlost. Er hat einen Knall. Zwei Senegalesen begleiten ihn auf Schritt und Tritt, die alles aufzeichnen."

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Der Vater, ein Umweltaktivist, verliert anscheinend den Verstand darüber, dass jemand angrenzend an sein Grundstück auf öffentlichem Grund illegal eine hohe Mauer errichtet hat. Die schöne Aussicht ist futsch. Ramis behandelt ein ihr zu Herzen gehendes Thema. Die Korruption beim Bau von Immobilien und die Veränderung ihrer Heimatinsel. "Ich will vom Verschwinden Mallorcas erzählen, von den verschwundenen Landschaften meiner Kindheit, die ich nicht mehr erwandern kann", beklagt die Schriftstellerin.

Ein Roman über ein Familientabu

Ihre Heimat beschreibt die Autorin ganz bewusst im Original auf Katalanisch. Vieles vom Leben der Ich-Erzählerin im Buch trifft auch auf die Vita der 42-jähringen Ramis zu. Das ist kein Zufall: "Der Roman ist sehr autobiografisch. Viele dieser Dinge habe ich erlebt. Aber die Namen der Menschen und Orte habe ich verändert. Der schwierigste Moment war, meinen Eltern mitzuteilen, dass ich über die psychische Krankheit meines Vaters geschrieben hatte."

Ganz schön mutig, ein Roman über ein Familientabu zu schreiben, der inzwischen als Schlüsselroman Mallorcas gilt. Aber: Der Vater gab seinen Segen, als er hörte, wie sie ihn im Buch beschreibt: "'Du bist eine Art Don Quichotte des 21. Jahrhunderts, der die Erde retten will!' - Er verschlang den Roman in Stunden - und hat ihn geliebt."

"Mallorca ist wie meine Mutter!"

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Ramis hat ihre vier Romane auf Katalanisch veröffentlicht.

Ihre eigene Generation der Mittvierziger kommt im Buch nicht so gut weg. "Meine Generation ist durch das Motto definiert 'Rette sich wer kann!'"

Ihre Insel Mallorca wird Llucia Ramis immer lieben - auch aus der Entfernung: "Sie ist wie eine Mutter. Du liebst sie über alles, willst nicht von ihrer Seite weichen. Nach fünf Tagen heißt es aber: 'Tschüss, Mama, dann mal bis Weihnachten!' Das ist für mich Mallorca. Mein Lieblingsort für immer. Aber will ich dort leben? Nein."

Die Autorin Llucia Ramis liest ab 20.30 Uhr auf dem Museumsschiff Cap San Diego in Hamburg, Karten für 15 Euro, mit der NDR Kultur Karte 13.50 Euro, gibt es über das Harbour Front Festival online und an der Abendkasse.

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Podcast
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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch unterwegs | 19.09.2019 | 18:20 Uhr