Stand: 17.08.2020 13:51 Uhr  - NDR Kultur

Lisa Eckharts Roman "Omama" ist alles, nur kein Skandal

Viel Aufregung gab es um die Kabarettistin Lisa Eckhart und das "Harbour Front Festival". Eckhart war mit ihrem Debütroman für den Klaus-Michael Kühne-Preis nominiert. Doch die Kabarettistin ist umstritten. Als Kunstfigur auf der Bühne spielte sie mit antisemitischen, rassistischen, sexistischen Klischees. Und wie das zu deuten ist, darüber gehen die Meinungen enorm auseinander. Vor ihrem "Harbour Front"-Auftritt gab es angeblich Drohungen von Linksextremen, ein Autor wollte nicht mit Eckhart auftreten. Man lud sie aus, die "Drohungen" entpuppten sich im Nachhinein als "Warnungen" besorgter Nachbarn. Man lud sie wieder ein, sie wollte nicht mehr. Aufgeregt wird über Meinungsfreiheit diskutiert und darüber, ob "Cancel Culture" in Deutschland um sich greift. Aber was steht eigentlich in Eckharts Roman? Ein Gespräch darüber mit Ulrich Kühn, Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur.

NDR Kultur: Herr Kühn, worum geht es in dem Buch?

Ulrich Kühn © NDR Foto: Christian Spielmann
Ulrich Kühn ist Leiter der Literaturredaktion von NDR Kultur.

Ulrich Kühn: Es geht um Oma. Der Roman mit seinen gut 380 Seiten heißt kurz und schlicht "Omama", und tatsächlich blättert uns die Erzählerin das Leben ihrer Großmutter auf. Lisa Eckhart, die bürgerlich Lisa Lasselsberger heißt, ist ein paar Jahre lang bei den Großeltern aufgewachsen. Ob diese Geschichte zuletzt auf eine Verneigung oder auf "Rufmord" an der Oma hinausläuft - das zu entscheiden, überlässt die Erzählerin ausdrücklich uns. Denn niemand wird hier geschont, nicht Frauen, Männer, Kinder, Greise und schon gar nicht die Dorfbevölkerung. Gleich am Anfang wird mit Gift und Galle der Stand der Großmütter entsakralisiert: Was wie liebevolle Zuwendung aussieht, ist in Wahrheit nur ein Machtkampf aus Egoismus. Und dann lernen wir Oma Helga kennen, in tiefer österreichischer Provinz, die intelligentere, aber hässlichere von zwei Schwestern. Sie wetteifert um die Gunst der russischen Besatzer, sie ist bereit zu Neid und Missgunst. Später wird sie bei einer sadistisch veranlagten Wirtin in der Küche arbeiten, sie wird von deren Sohn, dem Dorfschönling, schwanger, sie heiratet ihn - das alles in einem Milieu, das geprägt ist durch die Nachkriegszeit, durch den Willen, Schuld zu verdrängen, durch ländliche Schlichtheit, Ruppigkeit und Gehässigkeit, durch Suff und Heuchelei. Keine schöne Welt, in der aber groteske und amüsante Dinge geschehen. Und eine "Omama", der kein Glorienschein von Kitsch und Verklärung ihr holdes Haupt vergoldet. Aber eine, an der die Erzählerin hängt, die sogar sympathischere Züge gewinnt. Auch deshalb, weil einen die Erzählerin an ihre Boshaftigkeit gewöhnt hat. Gegen Ende gehen dann beide sogar auf Kreuzfahrt.

Das Buch ist ja ein Roman. Spricht da trotzdem die Kabarettistin, oder ist das eine ganz andere Stimme? Sind Schriftstellerin und Kabarettistin Lisa Eckhart zweierlei?

Zweierlei und einerlei: Kabarettistin wie Autorin wollen mit Nachdruck dasselbe: Künstlerin sein und so auch betrachtet und beurteilt werden. Es hat ja in der Zwischenzeit Interviews mit Lisa Eckhart gegeben, porträtierende Zeitungsartikel. Da spricht sie von ihrem Misstrauen gegenüber dem Authentizitätskult unserer Gegenwart; von der Zumutung, Kunst solle nur sagen, was ein redlicher Bürgersmensch, der anderen nicht wehtun will, jederzeit öffentlich sagen würde. Der Roman ist ein Gemisch aus Erzählung und satirischer Welterklärung mit essayistischen Passagen, voller Provokationen, reich, leider sogar überreich an Pointen. Das ist fantasievoll, auch scharfsinnig, wortwitzig, sprach- und selbstverliebt.

Lisa Eckahrt - "Omama"

Verlag: Paul Zsolnay Verlag
Seiten: 384
VÖ: 17.09.2020
ISBN: 978-3552072015
Preis: 24,00 €

Die Autorin führt mit einer strebsamen, manchmal auch streberhaft angestrengten Unangestrengtheit vor, wie schnell im Kopf sie ist, wie erbarmungslos sie hinter Kulissen guckt. Sie hat eine Begabung, aus dem sichtbaren Sprachkörper versteckten Hintersinn und Einsichten hervor zu klopfen, gelegentlich mit Tiefsinns-Potenzial. Aber es ist von allem zu viel. Das Ausschweifende ist Programm, aber ufert aus. Einer Künstlerin, die so großen Wert auf Form legt, müsste man wohl sagen: Es fehlt der letzte Schliff. Davon abgesehen: Die exzessive Vorliebe fürs Fäkale, für auszuspeiende Mageninhalte oder Genitalien, und wenn sie noch so hübsche österreichische Spezialbezeichnungen tragen – das erschöpft auf Dauer.

War denn nun die ganze Aufregung gerechtfertigt – gemessen an diesem Roman, mit dem Lisa Eckhart hätte bei "Harbour Front" auftreten sollen?

Ob einem "Omama" gefällt: Das kann zuletzt nichts anderes sein als Sache des persönlichen Geschmacksurteils. Auch wenn man in diesem Buch wieder Stellen findet, die anstößig und fragwürdig wirken. Es führt nicht recht weiter, einzelne Sätze einer Erzählerinnen-Stimme zu zitieren, um über die Autorin abzuurteilen. Deshalb lasse ich das bleiben. Man sollte schon über das Kunstprodukt als solches diskutieren. Wenn wir uns darauf nicht mehr verständigen können, läuft etwas schief. Die Ausladung von Lisa Eckhart hat, fürchte ich, Symptomwert. Wir bewegen uns in einer überhitzten Atmosphäre, in der auf irritierende Weise um Sprach- und Definitionsmacht gerungen wird. Das Wörtchen "dürfen" fällt so oft. Was "darf" man auf jeden Fall, was "darf" man gerade noch, was "darf" man keinesfalls. Kunst kommt von Können, um den berühmten Aphorismus zu variieren. Käme sie von Dürfen, hieße sie "Durst". Lisa Eckhart hat einen Roman riskiert. Weltliteratur ist es nicht gerade geworden. Das ist alles, nur kein Skandal.

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Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Klassisch in den Tag | 17.08.2020 | 07:20 Uhr

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