Stand: 05.05.2019 12:00 Uhr  - NDR Kultur

Gedichte aus Syrien

Das Buch von der fehlenden Ankunft
von Lina Atfah, aus dem Arabischen übersetzt und nachgedichtet von Dorothea Grünzweig, Mahmoud Hassanein, Brigitte Oleschinski, Hellmuth Opitz, Christoph Peters, Annika Reich, Joachim Sartorius, Suleman Taufiq, Julia Trompeter, Jan Wagner, Kerstin Wilsch, Osman Yousufi
Vorgestellt von Anja Dolatta
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Die Gedichte erscheinen in deutscher und arabischer Sprache.

Für die syrische Autorin Lina Atfah ist Schreiben eine Form des Widerstands. 1989 in Salamiyya geboren, begann sie schon als Jugendliche ihre kritischen Gedanken in Gedichten zu formulieren. Mit 17 wurde sie deshalb wegen Gotteslästerung und Staatsbeleidigung angeklagt. Doch Lina Atfah schrieb weiter, studierte Arabische Literatur in Damaskus und veröffentlichte in Kulturmagazinen und Anthologien. 2014 wurde ihr die Ausreise nach Deutschland bewilligt - eine einschneidende Zäsur, die sie in ihrem ersten eigenen Gedichtband "Das Buch von der fehlenden Ankunft" verarbeitet.

Wir flohen mit unseren Träumen, wie in den Büchern unserer Vorfahren beschrieben
die Armen zu Fuß in ein Zelt… wir alle sind Arme!
die Wellen waren unser Pfand
doch es brachte weder Gewinn noch Verlust
wir werden ertrinken oder überleben, damit wir das Buch der Ankunft schreiben. Leseprobe

Das Leid von Krieg und Flucht in allen Facetten

In ihren Gedichten erforscht Lina Atfah das schwierige Verhältnis, das eine Geflüchtete zu ihrer Heimat aufbaut, in all seinen Facetten. Nüchtern und abgeklärt wird die Zerstörungskraft des erlebten Bürgerkrieges vor Augen geführt, mit zorniger Leidenschaft die Tyrannei und staatliche Zensur angeprangert, nachdenklich verträumt an das Erbe orientalischer Mythen erinnert und wehmütig das unwiederbringlich Verlorene betrauert.

Nicht selten beruhen die Texte auf tatsächlichen Begebenheiten, die lyrisch überhöht wurden - so zum Beispiel das Gedicht "Lin und Leila und der Wolf", das die Kindheit von zwei Cousinen der Autorin beschreibt, die im Alter von fünf Jahren der syrischen Miliz zum Opfer fielen. Aber auch das Schreiben selbst wird zum Thema, dann etwa, wenn die Gefahr besteht, in einem fremden Land zu verstummen.

Es wird lange dauern, bis zu weißt
wie so ein Gedicht gebaut werden könnte,
leuchtende Zeile/leichtes Licht/dann Dunkelheit
dann siehst du selbst, dass das Gedicht bleibt
und das einfache Reden weggeht
- Und das Blut, geht es weg?
Die Zeit trinkt es
- Und die Zeit, geht sie weg?
Die Zeit wird herumgehen
- Und die Menschen?
Die Menschen sind Besitz des Tyrannen. Leseprobe

Atfahs Verse sind reich an Bildern und Metaphern

Neben den dialogischen Szenen, in denen eine durch Erfahrung gereifte Stimme auf die naiven Erwartungen eines Ichs vor der Flucht zu antworten scheint, ist es vor allem der Reichtum an Bildern und Metaphern, der Lina Atfahs Dichtung auszeichnet.

An ihrer Übertragung ins Deutsche waren insgesamt zwölf Übersetzer und Lyriker beteiligt, darunter Jan Wagner, Julia Trompeter und Suleman Taufiq. Entstanden sind die meisten der Nachdichtungen im Rahmen des Projekts "Weiter Schreiben", dessen Ziel es ist, Autoren aus Krisengebieten mit Schriftstellerkollegen in Deutschland zu verbinden und ihnen so eine literarische Ankunft zu ermöglichen. Für Lina Atfah bedeutet "weiterschreiben" aber auch, die Geschichte ihrer immerwährenden Flucht fortzusetzen.

Wunde um Wunde flickten wir unsere Geschichte zusammen und gingen weiter
Friede sei der Erde an dem Tag, an dem wir wieder zu Staub werden
Friede sei dem Wind an dem Tag, an dem wir wieder zu Asche werden
Friede sei dem Wasser, das uns als Schaum ausspie
am Anfang war die Flucht… und am Ende. Leseprobe

Großer Interpretationsspielraum

In zwei Richtungen kann "Das Buch von der fehlenden Ankunft" gelesen werden: Von links nach rechts in der deutschen Übersetzung und von rechts nach links im arabischen Original. Besonders interessant wird es, wenn ein Gedicht in zwei deutschen Versionen vorliegt, die von unterschiedlichen Autoren beigesteuert wurden. In ihnen zeigt sich der große Interpretationsspielraum, der bei der Auseinandersetzung mit fremdsprachigen Texten zwangsläufig entsteht - aber auch im Umgang mit fremden Erfahrungen.

Der Brückenschlag, der Lina Atfah und ihren Übersetzern in diesem Buch gelingt, ermöglicht einen Zugang zu den schwierigen Themen Flucht und Verfolgung, aber auch kulturelle Andersheit, ohne in die Falle exotisierender Orientbilder zu geraten.

Das Buch von der fehlenden Ankunft

von
Seitenzahl:
152 Seiten
Genre:
Lyrik
Zusatzinfo:
Gebunden mit Lesebändchen, Gedichte Arabisch-Deutsch
Verlag:
Pendragon
Bestellnummer:
978-3-86532-641-6
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 06.05.2019 | 12:40 Uhr

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