Stand: 14.03.2018 11:00 Uhr

Orientierungslos in Bukarest

Null Komma Irgendwas
von Lavinia  Braniste, aus dem Rumänischen von Manuela Klenke
Vorgestellt von Mirko Schwanitz
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"Null Komma Irgendwas" heißt der Debütroman der erst vor Kurzem 35 Jahre alt gewordenen Autorin Lavinia Braniste.

Rumänien ist in diesem Jahr das Gastland der Leipziger Buchmesse. Allein 40 Neuübersetzungen haben die Rumänen im Gepäck. Doch es fällt auf, dass sich die großen Verlage sehr zurückhalten. Nur wenige haben rumänische Autoren im Programm. So machen sich vor allem Kleinverlage um den Auftritt des diesjährigen Gastlandes verdient: etwa der Traian Pop-Verlag, der sich seit Jahren um Übersetzungen rumänischer Lyriker bemüht.

Interessante rumänische Gegenwartsprosa

Im Klak-Verlag ist eine interessante Anthologie rumänischer Gegenwartsprosa erschienen. Der Verbrecher-Verlag macht sich mit der Herausgabe von Stefan Agopians wichtigem Roman "Handbuch der Zeiten" verdient. Doch da gibt es noch einen außergewöhnlichen Roman mit dem ungewöhnlichen Titel "Null Komma Irgendwas".

Lakonisch und distanziert erzählt Lavinia Braniste vom Alltag ihrer Hauptfigur Christina.

"Ich bin Sekretärin bei einer Firma, die Projekte für öffentliche Bauvorhaben anleitet. Mich haben sie wegen der Fremdsprachen genommen, sonst hätte ich dem nötigen Profil gar nicht entsprochen. Von Baustellen und Ingenieuren verstehe ich nichts." Leseprobe

Das Bukarest der Nachwendezeit

Halt- und orientierungslos treibt die junge Christina durch das Bukarest der Nachwendezeit. Eine Stadt, die bis heute viele Träume scheitern lässt, sagt Braniste: "Die Stadt ist manchmal wie ein Monster und deshalb inspiriert sie mich. Es ist eine gefährliche Stadt, in der dir die unrestaurierten Häuser schon mal Steine auf den Kopf werfen. Ich habe wirklich viele Unfälle beobachtet."

Auch das Leben von Branistes Heldin Christina scheint ein einziger Unfall zu sein. Mehrsprachig, mit zwei Masterabschlüssen und einer abgebrochenen Promotion landet die junge Frau hinterm Empfangstresen einer Baufirma. Hier wird sie zum Mülleimer für die Probleme der Kollegen, zum Blitzableiter für die cholerischen Ausbrüche ihrer Chefin.

"Die Chefin hasst Spanier, aber auch Juden, Ungarn, Homosexuelle, alle Sekretärinnen, alle Beamten und alle Zigeuner. […]  Ich fühle Gift durch meinen Körper fließen, acht Stunden am Tag. An dem Ort, an dem ich dachte, meine Ruhe gefunden zu haben. Ein stabiles Gehalt, eventuell ein Kredit. Der Weg mit der U-Bahn am Morgen, ebenso wie der Rest der Menschheit. Das Gehetze eigentlich. Damit ich auch etwas habe, hinter dem ich herlaufen kann, in der Blüte meines Lebens." Leseprobe

Orientierungslose Menschen

Trotz seiner leichten und schwebenden Sprache ist der Roman von einem Ton der stummen Verzweiflung durchwebt. Das Leben der Heldin wird zum Spiegelbild für das Leben einer ganzen Generation. Vielleicht ist es das, was den Roman bei seinem Erscheinen in Rumänien zum erfolgreichsten Buch des Jahres machte.

"Gewissermaßen ist diese Christina repräsentativ. Denn viele Leser haben sich in diesem Buch wiedergefunden. So viele, dass es mich echt überrascht hat", berichtet die Autorin. "Die Orientierungslosigkeit meiner Figur hat ihre Wurzeln tief in der gesellschaftlichen und politischen Situation Rumäniens. Einer Gesellschaft, die ihre Werte verloren hat und in der der Kampf um neue Werte verloren geht, weil die ganze Kraft der jungen Generation auch 30 Jahre nach dem Sturz der Diktatur immer noch im Kampf um das Überleben aufgebraucht wird."

Fragile Beziehungen

So ist jede Figur in diesem Roman nur mit sich beschäftigt. Wohl auch deshalb sind in Christinas Bukarest die zwischenmenschlichen Beziehungen so fragil wie dünne Eisplatten. Am Ende bekennt sich auch Christinas Freund nicht zu ihrer Liebe. Doch gibt sie ihm nicht den Laufpass. Stattdessen akzeptiert die junge Frau ihr Leben so, wie es ist.

"Ich bin ein Mensch, bei dem die Wut spät ausbricht. Nach Scham- und Schuldgefühlen folgt Resignation, in dieser Reihenfolge. Und die Wut bricht wie ein Schlammvulkan aus. Er spuckt keine heiße Lava, sondern gluckert kalt. Jetzt warte ich auf die Wut." Leseprobe

Man wird in der rumänischen Gegenwartsliteratur lange suchen müssen, um ein derartig direktes und präzises Abbild der rumänischen Gesellschaft von heute zu finden. Unter den diesjährigen Neuübersetzungen zur Leipziger Buchmesse ist Branistes Roman einer, der leuchtet.

Null Komma Irgendwas

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Mikrotext Verlag
Bestellnummer:
978-3-944543-60-4
Preis:
21,99 €

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