Stand: 26.09.2016 18:30 Uhr

Wie die Rentenpolitik Frauen in die Armut treibt

Die verratenen Mütter
von Kristina Vaillant
Vorgestellt von Gesa Berg
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Vera Scheefeld ist Rentnerin, hat vier Kinder großgezogen, immer gearbeitet. Von ihrer Rente kann sie dennoch nicht leben.

Vera Scheefeld ist Taxifahrerin. Sie arbeitet fünf Tage die Woche, acht Stunden am Tag - ganz normal. Aber Vera Scheefeld ist 75 Jahre alt. Dass bei ihr das Geld nicht reicht, hat vor allem einen Grund: Sie ist Frau und Mutter. Und sie ist kein Einzelfall: Sieben Millionen Frauen aus den geburtenstarken Jahrgängen gehen in den nächsten Jahren in Rente. Mindestens ein Drittel von ihnen werden, wenn sie keine anderen Einkommen haben, im Alter Unterstützung vom Sozialamt brauchen - obwohl sie gut ausgebildet sind und immer berufstätig waren. Für die Rentenexpertin Kristina Vaillant ist das ein sozialpolitischer Skandal.

Ein sozialpolitischer Skandal

In Deutschland würden Frauen bei der Rente systematisch benachteiligt, schreibt die Autorin und nennt ihr Buch dazu "Die verratenen Mütter". "Wir sind eines der reichsten Länder der Welt und eine der stärksten Volkswirtschaften in Europa", sagt sie. "Wenn man sich dann vor Augen führt, dass der Abstand der Renten zwischen Männern und Frauen 50 Prozent beträgt, dann ist das ein sozialpolitischer Skandal. Das ist nicht nur in Europa der Spitzenwert, sondern diese Rentenlücke ist fast in keinem anderen der 34 OECD-Länder so groß."

Ohne ihr Taxi müsste Vera Scheefeld zum Sozialamt gehen. Sie bekommt nicht einmal 600 Euro im Monat. Damit geht es ihr wie der Durchschnittsrentnerin in Deutschland. Das Geld reicht gerade mal für die Miete. Zum Leben nicht. Und das, obwohl sie ihr Leben lang gearbeitet hat. Als Mutter von vier Kindern musste Vera Scheefeld schon immer rechnen. "Ich seh' schon zu, dass ich mein Limit in der Woche nicht überschreite, das sind, wenn ich einkaufen gehe, so 50 Euro. Mehr will ich in der Woche nicht ausgeben", erzählt sie.

Altersarmut ist weiblich

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Für Rentenexpertin Kristina Vaillant ist die deutsche Rentenpolitik ein sozialpolitischer Skandal.

"Altersarmut ist vor allen Dingen deswegen weiblich, weil in Deutschland die Hälfte der Frauen der Babyboomer-Generation, also die jetzt so um die 50 Jahre alt sind, aber auch die Hälfte der Frauen zwischen 30 und 40 Teilzeit arbeitet", erläutert Vaillant. "Das sind in der Regel keine 30-Stunden-Stellen, sondern 20 Stunden oder weniger und mit unserem erwerbszentrierten Rentensystem, das heißt ein Rentensystem, was komplett auf dem Erwerbsleben aufbaut, lässt sich damit keine existenzsichernde Rente erwirtschaften."

Frauen in Teilzeit - Familienmodell verändert sich nicht

Das Familienmodell, nach dem Frauen wegen der Kinder nur Teilzeit arbeiten, hält sich hartnäckig in Deutschland - bis heute. 14 Jahre lang war Vera Scheefeld verheiratet. Ihre Kinder habe sie allein großgezogen, ihr Ex-Mann habe sich nicht gekümmert, erzählt sie. Für eine deutsche Standardrente von 1.300 Euro hätte sie 45 Jahre lang Vollzeit arbeiten müssen. Mit vier Kindern unmöglich.

Kristina Vaillant hat mit vielen Frauen über ihre Altersarmut persönlich gesprochen: "Das ist sehr viel mit Scham behaftet, weil viele Frauen sich das selbst als Fehler anrechnen, so nach dem Motto: Hätte ich andere Entscheidungen in meinem Leben getroffen, hätte ich mich nicht scheiden lassen, hätte ich keine Kinder bekommen, hätte ich mich mehr angestrengt, um erfolgreicher auf dem Arbeitsmarkt zu sein, dann wäre das Ergebnis in meinem Rentenbescheid vielleicht ein anderes."

Eine Art Grundrente als gerechtere Lösung

Die Politik wolle das Problem niedriger Renten über den Arbeitsmarkt lösen. Das funktioniere nicht, so Kristina Vaillant. Zu viele Frauen haben nur Minijobs, arbeiten im Niedriglohnsektor oder bekommen bloß Teilzeitstellen. Die Folge: Ihre Renten reichen für ein gutes Leben nicht aus. "Regierungspolitiker haben sich in den letzten 30 Jahren damit zufriedengegeben, dass die Frauen, die niedrige Rente haben, einfach in die Sozialhilfe abgeschoben werden. Das ist würdelos", findet Vaillant.

Eine gerechtere Lösung sieht die Autorin in einer Art Grundrente - ein Mindestbetrag für jeden. So wie es andere Länder machen. Dort wird die Lebensleistung von Müttern längst mehr gewürdigt. "Wenn ich jetzt eine Krankheit hätte, die mich dazu zwingen würde, nicht mehr Taxi zu fahren, da mag ich nicht so richtig dran denken, ehrlich gesagt", sagt Vera Scheefeld. "Ich hab nur so ein kleines Polster, mit dem ich ein halbes Jahr überleben könnte - mit sämtlichen Kosten."

Sie hat eine tolle Familie, die zur Not auch helfen würde. Aber: Auf die Kinder oder Sozialhilfe angewiesen zu sein, das ist als Mutter - als starke Frau, wie Vera Scheefeld es immer war - ein unerträglicher Gedanke.

Die verratenen Mütter

von
Seitenzahl:
160 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Droemer Knaur
Veröffentlichungsdatum:
04.10.2016
Bestellnummer:
978-3-426-78867-7

Dieses Thema im Programm:

Kulturjournal | 26.09.2016 | 22:45 Uhr

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