Stand: 26.04.2020 12:40 Uhr

Lyrikerin Kerstin Preiwuß über nächtliche Geschehnisse

von Anna Hartwich
Kerstin Preiwuß: "Taupunkt" © Berlin Verlag / Piper
Autorin Kerstin Preiwuß schreibt sowohl Romane als auch Gedichte, so wie im Band "Taupunkt".

Kerstin Preiwuß, geboren 1980 in Lübz, ist in verschiedenen literarischen Genres Zuhause. Zwei Romane hat sie geschrieben, "Restwärme" und "Nach Onkalo", für den sie 2017 für den deutschen Buchpreis nominiert wurde und den Eichendorff-Literaturpreis erhielt. 2019 erschien von ihr im Duden-Verlag "Das Komma und das Und", eine Liebeserklärung an die Sprache. Nun ist nach "Rede" und "Gespür für Licht" ihr dritter Lyrikband erschienen: "Taupunkt".

"22 Uhr 58 und 12 Sekunden: gleich Nacht", so präzise ist der Beginn von Kerstin Preiwuß' neuem Gedichtband. Auch sein Ende: "09 Uhr 49 und 43 Sekunden: gleich Tag". Genau in der Mitte der einhundert Seiten findet sich das titelgebende Gedicht: "Taupunkt". Das ist ein Begriff aus der Physik: Er bezeichnet die Temperatur, bei der die Luft gerade mit Wasserdampf gesättigt ist. Ein Schwellenwert, an dem sich die Zustände trennen.

Der Taupunkt ist grausam
und er ist schlicht.
Man sieht ihn nicht
aber empfindet was.
Er schöpft aus sich
und er hat Recht. Leseprobe

"Schön wäre es, jetzt zwölf Stunden zu schlafen/Selbst die Neurosen schlüpfen dann nicht", so heißt es zu Beginn, in dem der Begriff der "Apnoe", also das Aussetzen der Atmung im Schlaf, eine zentrale Rolle spielt. Was geschieht während der Nacht?

Was passiert, wenn der Verstand ausgeschaltet ist

"Wie viel sich bewegt, wenn nur das Denken sich legt": Das ist die zentrale Frage, die Kerstin Preiwuß stellt, sich selbst, dem Leser, der Leserin. Dabei ist es nicht, wie man vorschnell meinen könnte, der Traum, der die Lyrikerin beschäftigt. Es ist eher der Innenraum, der sich öffnet und, unbelastet vom Tagesgeschäft, die Sprache einströmen lässt:

Wo ich bin, ist das Loch
Hab es im Sinn
Und bring es mit.
Hallo mein Laut mein Kauderwelsch
Mein Zaubertrank mein Hologramm
Kautabak und Wechselbalg.
Mein Fluch meine Zufallsbekanntschaft
Meine Durchreiche,
Und Zwischenreich
Das geht an dich. Leseprobe

Die Sprache, so Kerstin Preiwuß in einem Interview, öffnet einen Raum, in dem zwei Welten sich begegnen und verhandelt werden können: die Erfahrung und die Wahrnehmung. Die Sprache trägt beides in sich und kann beides verändern. Sie verleiht dem Ich Souveränität.

Auf dem Weg durch die Nacht kommen die Gedichte an etlichen "wunden Punkten" vorbei: Tod, Liebe, Kindheit, Schmerz. "Die Stacheln die man von Geburt an mitbekommt / richten sich mit den Jahren auf / und verhärten die Erinnerung zum Punkt", so heißt es.

Gedichte, die das Unterbewusstsein berühren

Preiwuß' Sprache berührt das Unterbewusstsein, entwickelt einen Tiefensog, dem man sich nicht entziehen kann. Bei all den schmerzhaften Punkten: Was immer hilft und erdet, ist die Natur. Naturmetaphern durchziehen alle Gedichte, Tiere wie Spinne, Tiger und Neunauge; das Wasser, die Luft, Pilze, Steine, Wurzeln und immer wieder das Schilf, das an die mecklenburgische Heimat von Kerstin Preiwuß denken lässt.

Im Schilf sind wir viele, schwanken leicht
Inmitten seiner gräserbleichen Raserei
Sieht das verbrannt aus, abgefuckt.
Sandlinsen wohin du blickst
Barrieren aus abgestorbenen Zellen.
Ein Ringen nach Luft hört auf
Ihr pflanzliches Röcheln ihre geräuschlose Wut.
Leben ist brüchig ohne Brüche ist Schluss.
Selbst wenn du dir ein Bild daraus schnitzt
Und es als Holzschiff ins Wasser lässt, schwimmt es
Und selbst wenn du den Blick draufhältst
Siehst du ich schwöre den Untergang nicht. Leseprobe

"Es hat die ganze Nacht gespukt", heißt es am Ende der Nacht und des Buches. Die poetische Kraft, die Kerstin Preiwuß gesamtes Werk durchzieht, ist tief anrührend. "Taupunkt" hinterlässt Bilder, die lange bleiben.

Taupunkt

von Kerstin Preiwuß
Seitenzahl:
112 Seiten
Genre:
Lyrik
Verlag:
Berlin
Bestellnummer:
978-3-8270-1410-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 27.04.2020 | 12:40 Uhr

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