Stand: 15.01.2018 11:00 Uhr

Grobe Jungs mit zarten Seelen

Lied der Weite
von Kent Haruf, aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Harufs Romane spielen alle in der fiktiven Kleinstadt Holt in Colorado - auch "Lied der Weite".

Mit dem Roman "Unsere Seelen bei Nacht" - verfilmt mit Jane Fonda und Robert Redford - hat der amerikanische Schriftsteller Kent Haruf im letzten Jahr die Herzen erobert. Die Geschichte erzählte von zwei älteren Menschen, die sich schlicht entschlossen hatten, etwas gegen ihre Einsamkeit zu unternehmen. Es war sein letzter Roman, 2014 ist Kent Haruf gestorben. Nun erscheint ein weiteres Buch von dem Autor: "Lied der Weite".

So etwas geschieht in der immer wieder rätselhaften, letztlich unkalkulierbaren Bücherwelt gar nicht so selten: Es gab bereits einen Versuch, Harufs Roman in Deutschland herauszubringen. 2001 erschien er im Goldmann Verlag unter dem Titel "Flüchtiges Glück" - ohne nennenswerten Erfolg. Im Original heißt er "Plainsong" - also Choralgesang. Diogenes hat jetzt als Titel "Lied der Weite" gewählt, was die Atmosphäre und die Textrichtung deutlich besser widerspiegelt.

Junges Mädchen in Schwierigkeiten

Er beschreibt die Geschichte eines 17-jährigen Mädchens, das schwanger ist und von der eigenen Mutter hinausgeworfen wird. Die Lehrerin Maggie möchte wissen, wie es dazu kommen konnte.

Er war nett zu mir. Er hat mir nette Sachen gesagt. Ach ja? Ja. Er hat mir nette Sachen gesagt. Was denn zum Beispiel? Zum Beispiel hat er mal gesagt, dass ich schöne Augen habe. Er hat gesagt, meine Augen sind wie schwarze Diamanten, die in einer Sternennacht leuchten. Das stimmt, Schätzchen. Leseprobe

Es ist das alte Lied. Immer trifft es zuerst Mädchen, die ausgehungert nach Zuwendung sind. Maggie will ihrer Schülerin helfen und überredet ausrechnet zwei brummige alte Viehzüchter, die Brüder McPheron, das Mädchen aufzunehmen.

Ein Geschenk, das zu Tränen rührt

Parallel wird die Geschichte von zwei halberwachsenen Jungen erzählt, deren Mutter offenbar unter einer Depression leidet. Sie will der Kleinstadtöde entkommen. Die beiden Jungen, die sich nichts mehr wünschen als eine Mutter, die morgens aufsteht und fröhlich ist, arbeiten hart und kaufen von dem Ersparten ein blaues Fläschchen mit dem Etikett "Evening in Paris" und eine Schachtel mit Schaumbad als Geschenke für ihre Mutter:

Willst du sie nicht aufmachen, Mutter? Aber was ist drin? ... Langsam löste sie die Schleifen, wickelte das bunte Papier ab. Als sie sah, was in den Schachteln war, fing sie an zu weinen. Die Tränen rannen ihr über die Wangen, sie kümmerte sich nicht darum. O mein Gott, sagte sie. Mit den Schachteln in den Händen umarmte sie weinend die beiden Jungen. O mein Gott, was soll ich nur machen. Leseprobe

Ein Baby wird geboren

Inzwischen haben die McPherons sich an das Mädchen Victoria gewöhnt und verfolgen besorgt den Verlauf der Schwangerschaft. Als es soweit ist, vernachlässigen sie sogar ihr Vieh, um ihr zur Seite zu stehen. Ein kleines Mädchen kommt zur Welt und Victoria gibt es dem alten Raymond:

Es passiert schon nichts. Hier. Sie müssen ihren Kopf halten. Er nahm das Baby in den weißen Klinikdecken und schaute es an, hielt es ängstlich vor sein altes Gesicht wie ein steifes, aber empfindliches Stück Küchengeschirr ... Die Augen des Babys sahen ihn an, ohne zu blinzeln. Du meine Güte. Allmächtiger. Leseprobe

Momente großer Liebe

Auf so gefühlvolle Passagen lässt Kent Haruf seine Leser warten. Es gibt Schlägereien, ein verendetes Pferd, familiäre Gewalt und eben diese seltenen Momente großer Liebe. Das besondere an Haruf, schon in dem Roman "Unsere Seelen bei Nacht" und hier auch wieder, ist, dass Schutz und Geborgenheit nicht durch die Familie entstehen, sondern außerhalb gefunden werden.

Wieder erfährt man kaum etwas aus der inneren Gedankenwelt der Figuren, sondern nur die äußeren Ereignisse. Der Roman hat einen melancholischen Grundton. Haruf führt uns in eine Welt, die es so nicht mehr gibt. Quietschende Verandaschaukeln, Ausritte in dürre, staubige, leere Landschaft, raue Sitten, pfeifende Züge, grobe Jungs mit zarten Seelen.

Lied der Weite

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes Verlag
Bestellnummer:
978-3-257-07017-0
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.01.2018 | 12:40 Uhr

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