Stand: 13.12.2018 10:00 Uhr

Verpasste Gelegenheiten und zweite Chancen

Ein Tag im Dezember
von Josie Silver, aus dem Englischen von Babette Schröder
Vorgestellt von Andrea Heußinger
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Ein Buch für alle, die an die Liebe auf den ersten Blick glauben.

Viel weiß man nicht über die Autorin Josie Silver. Außer, dass sie ihren Ehemann an seinem 21. Geburtstag kennengelernt hat, nachdem sie ihn fast über den Haufen gerannt hätte. Offenbar ein Zusammenstoß mit Happy End: Mittlerweile leben die beiden in einer kleinen Stadt in den Midlands - und nicht mehr alleine, sondern mit ihren beiden Kindern. Dann schreibt der Verlag noch, dass Josie Silver eine hoffnungslose Romantikerin ist. Darauf allerdings hätte man gar nicht extra aufmerksam gemacht werden müssen. Silvers erster Roman "Ein Tag im Dezember" ist nämlich der beste Beweis dafür.

Eine flüchtige Begegnung

Die Geschichte beginnt vor zehn Jahren. Kurz vor Weihnachten sitzt Laurie in London in einem völlig überfüllten Bus, im Haar einen Heiligenschein aus Lametta, der noch von ihrer Schicht an der Hotel-Rezeption stammt, in der Hand einen Becher Kaffee, der mittlerweile ungenießbar ist, weil die Frau auf dem Sitz vor ihr das Haar geschüttelt hat. Und draußen an der Bushaltestelle? Da sitzt ein attraktiver rotblonder Typ und liest ein Buch.

Ich kneife die Augen zusammen und lege den Kopf schief, um herauszufinden, was er liest. Um besser sehen zu können, wische ich mit dem Mantelärmel über die beschlagene Scheibe. Ich weiß nicht, ob er meine Armbewegung oder die blinkenden Ohrringe der Schuppenfrau aus dem Augenwinkel wahrgenommen hat, jedenfalls hebt er den Kopf, blinzelt ein paarmal und richtet seine Aufmerksamkeit auf mein Fenster. Auf mich. Wir starren uns an, und ich kann den Blick nicht von ihm lösen. Leseprobe

Da ist sie: die berühmte Liebe aus dem ersten Blick! Doch gerade als der Unbekannte aufspringt und einsteigen will, schließen sich die Türen und der Bus fährt weiter.

Suche nach dem Unbekannten

Laurie notiert jedes Jahr ihre Neujahrsvorsätze und will, wie viele Figuren in solchen Romanen, bei einer Zeitschrift arbeiten. Dieser Vorsatz schafft es allerdings nur auf Platz zwei. Sie macht sich auf die Suche nach dem Unbekannten, klappert mit ihrer Mitbewohnerin und besten Freundin Sarah Wochenende für Wochenende Londons Bars ab. Und tatsächlich: Ziemlich genau ein Jahr später trifft Laurie ihren sogenannten "Bus Boy" wieder - allerdings auf die denkbar schlechteste Weise:

Sarah zerrt mich vorbei an unseren lachenden, betrunkenen Freunden und an einer Menge Leute, von denen ich mir nicht sicher bin, ob eine von uns sie überhaupt kennt. Schließlich kommen wir bei ihrem Freund an, der unsicher an der Wohnungstür steht. "Laurie (...). Darf ich dir Jack vorstellen. Jack O'Mara. Jack, das ist Laurie. Meine Laurie." Ich öffne den Mund, um hallo zu sagen, doch dann sehe ich sein Gesicht. (...) Mir kommt kein Wort über die Lippen. Ich kenne ihn. Leseprobe

Beide sind loyal, beide verschweigen, dass sie sich schon mal gesehen haben. Denn: Auch Jack erinnert sich an das Mädchen aus dem Bus! Das weiß der Leser, weil die zwei abwechselnd als Ich-Erzähler auftreten. Laurie jedoch weiß es nicht. Sarah zuliebe reißen sich beide zusammen, werden sogar irgendwie Freunde, dazwischen kommt es aber immer wieder auch zu kribbeligen Situationen.

Romantische Geschichte mit Happy-End

Die Autorin begleitet ihre Protagonisten über einen Zeitraum von neun Jahren - und lässt dabei auch deren unsympathische Seiten nicht außen vor.

"Scheiße, Jack, was machst du?!" - "Bist du nicht deshalb gekommen?", frage ich gehässig, weil ich mich schäme und wische mir mit dem Handrücken über den Mund, als würde sie widerlich schmecken. "Wenn die Katze aus dem Haus ist und so weiter?" Sie ringt nach Luft und presst die Hände auf die geröteten Wangen, meine Bemerkung schockiert sie. (...) "Wenn du so etwas noch einmal zu mir sagst, sind wir fertig. Ist das klar?" - "Oh, nur nicht so arrogant, Laurie", spotte ich. Leseprobe

Eine Geschichte über verpasste Gelegenheiten und zweite Chancen. Natürlich irgendwie vorhersehbar und keine Hochliteratur, aber der Roman, in der Hörbuchversion einfühlsam gelesen von Merete Brettschneider und Elmar Börger, ist unterhaltsam und romantisch, dabei aber nicht zuckerwattig.

Die passende Vorweihnachts-Lektüre für alle, die den Film "Tatsächlich Liebe" mittlerweile auswendig mitsprechen können und "Drei Haselnüsse für Aschenbrödel" auch schon 200 Mal gesehen haben.

Ein Tag im Dezember

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Heyne
Bestellnummer:
978-3-453-42292-6
Preis:
9,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 14.12.2018 | 12:40 Uhr

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