Stand: 16.01.2019 16:00 Uhr

Versuche, dem Unglück zu entgehen

Ein liebendes, treues Tier
von Josephine Rowe, aus dem Englischen von Barbara Schaden
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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Die Familie in Josephine Rowes Debut-Roman führt alles andere als ein behütetet, geordnetes Leben.

Eine junge, neue literarische Stimme aus Australien gilt es heute zu entdecken: Josephine Rowe, 1984 in Queensland geboren, hat für ihren Debütroman "Ein liebendes, treues Tier" begeisterte Kritiken auch in den USA bekommen. Gelobt werden die eindringlichen Charaktere, die sie zeichnet, und ihr unbeirrbarer Blick auf die Art und Weise, wie wir Menschen, die wir lieben, im Stich lassen, und auf die Grausamkeit innerhalb von Familien, ihre Giftigkeit und Schönheit.

Die Familie leidet unter dem Unglück des Vaters

In der Psychologie würde man wohl von einer "dysfunktionalen Familie" sprechen, die hier beschrieben wird. Josephine Rowe erzählt von einer Familie, die in einer abgelegenen Kleinstadt im Südwesten Australiens lebt. Es ist die Zeit Anfang der 90er-Jahre. Jack, der Vater, hat vor mehr als 20 Jahren am Vietnamkrieg teilgenommen und ist seitdem ein seelisches Wrack.

Viele Jahre hat seine Frau Evelyn versucht, ihn zu stützen und seine Beschädigung auszugleichen, aber irgendwie ist sie dabei selbst kaputt gegangen. Die beiden Töchter kennen ihren Vater nur so seltsam, ihr Start ins Leben ist von seiner Verzweiflung und Mutlosigkeit dominiert. Seine Tochter Lani beginnt als Teenager, die Tabletten, die ihr Vater nimmt, als Partydrogen zu verhökern. Sie versucht der Tristesse zu entkommen.

Eine schreckliche Kindheit

Lanis Vater ist offenbar endgültig verschwunden, nachdem sein Hund, jenes liebende, treue Tier vom Titel des Romans, von einer Wildkatze getötet, buchstäblich in Stücke gerissen wurde. Über seine eigene Kindheit erfahren wir, dass seine Mutter einen Selbstmordversuch unternahm, bei dem sie ihre Kinder mit in den Tod nehmen wollte. Danach ist sie in eine psychiatrische Anstalt gekommen.

Sie waren nie mit ihm in das Heim gefahren, in dem man die Mutter untergebracht hatte. Das sei nicht gut für ihn. Mehr hat man dem Kind damals nicht erklärt.

Der Bruder entzieht sich dem Kriegsdienst auf seine Weise

Jacks Bruder Les entzog sich dem Kriegsdienst, indem er sich den Finger abhackte, den man zum Schießen braucht:

Das Geräusch kam unerwartet unblutig, die Axtklinge schlug sauber durch Knochen und Sehne und drang ins Holz des Hackstocks darunter. Er hatte befürchtet, womöglich ohnmächtig zu werden, aber nein. Er tauchte einfach seine Hand in die bereitstehende Lunchbox, in der jetzt halb Eis und halb Wasser war. Der Ex-Zeigefinger rollte vom Hackstock und lag mutterseelenallein auf der Erde. Leseprobe

Alle Menschen in diesem Roman versuchen, mit dem Leben zurechtzukommen, noch irgendetwas richtig im Falschen zu machen. Berührend sind ihre Versuche, sich anderen mitzuteilen:

In Bruchstücken, deren scharfe Kanten du im Erzählen abzufeilen versuchst, damit sie zuhören kann, ohne zu erschrecken ... Nur Miniaturen, winzig genug, um ungesagt zu bleiben. Winzig genug, um unter der Zunge versteckt und geschluckt zu werden. Leseprobe

Die Schwester hat Kontakt zu einem anderen Familienmodell

Dann gibt es die privilegierten, die von Krieg und Verwüstung verschonten Menschen. Lanis Schwester Ruby verliebt sich in eine Person aus anderen Verhältnissen und vorsichtig entdeckt sie andere Familienvorlagen:

Aber ihre Eltern hast du schon kennengelernt, sie hat dich mitgenommen und vorgestellt; es sind großzügige, leicht skurrile Menschen mit viel Kaschmir und Steingut unter hohen Gewölbedecken... Du weißt, dass ihr Haus nach Büchern und Kaminfeuer riecht und die Kakifrüchte zum Nachreifen in der Küche auf dem Fensterbrett liegen. Leseprobe

Kakifrüchte zum Nachreifen auf dem Fensterbrett! Was für ein Bild eines behüteten, geordneten Lebens. Josephine Rowe spricht im Text mit ihren Lesern, eindringlich, in starken Bildern und einer oft geradezu poetischen Sprache, ohne auch nur den Anflug von Wehleidigkeit, Klage oder Mitgefühl. Sie erzählt von den modernen Gesellschaften, in denen so viel Grausamkeit, Krieg, Verheerung herrscht, dass es Schwerstarbeit bedeutet, dem etwas entgegen zu setzen. Aber genau das tut sie - zart und unverwüstlich.

Ein liebendes, treues Tier

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Liebeskind
Bestellnummer:
978-3-95438-098-5
Preis:
20,00 €

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