Stand: 17.12.2019 14:17 Uhr  - NDR Kultur

Abschied vom Schreiben und Leben

Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten
von José María Arguedas, aus dem peruanischen Spanisch von Matthias Strobel
Vorgestellt von Tobias Wenzel

Vor 50 Jahren starb der peruanische Schriftsteller José María Arguedas in einem Krankenhaus, nachdem er sich vier Tage zuvor in den Kopf geschossen hatte. Sein argentinischer Kollege Julio Cortázar hatte ihn in einem Interview mit dem "Time Magazine" als Provinzautor diffamiert, weil Arguedas immer auch die indigene Kultur beim Schreiben im Blick hatte.

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Der Roman wurde erst nach Arguedas' Selbstmord veröffentlicht.

Arguedas gehört nicht zu den Autoren, die der Boom lateinamerikanischer Literatur weltweit bekannt gemacht hat. Auch in Deutschland ist er weiterhin ein Geheimtipp. Der Wagenbach-Verlag will das ändern. Er hat nun den letzten Roman des Autors veröffentlicht, den der nicht mehr beenden konnte, weil er sich das Leben nahm: "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten".

"Ein Revolver ist schnell und sicher, aber nicht so einfach zu besorgen", notiert zu seinen Selbstmordgedanken der peruanische Schriftsteller und Ethnologe José María Arguedas am 10. Mai 1968 in sein Tagebuch. Das führt er immer dann fort, wenn er zu depressiv ist, um an seinem Roman "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten" zu arbeiten.

Schauplatz ist die Stadt Chimbote an der Pazifikküste

Was für ein Roman! Chimbote, eine Stadt an der peruanischen Pazifikküste, ist zum weltweiten Zentrum der Fischmehlindustrie geworden. Sie hat Geld, Bordelle und stinkenden Morast hervorgebracht. Und Moncada verrückt werden lassen. Er zieht, als wäre er Jesus, mit einem Kreuz umher, um krude Reden zu halten:

"Ich bin Stierkämpfer Gottes, ich bin Bettler seiner Zuneigung, nicht der falschen Zuneigung der Behörden, auch der Menschheit. Seht her!"
Laut schrie er es und tänzelte wie ein Torero um das Kreuz herum. Leseprobe

Moncada steigt mit seinem Kreuz hinauf zu den armen Indios, die auf dem Berg in Barackensiedlungen hausen. In diesem streckenweise atemberaubend gut geschriebenen, von Matthias Strobel gewagt, aber gelungen übersetzten Roman steht das Oben für die indigene Kultur und das Unten für die westliche Lebens - und Denkweise.

Der Fuchs als Symbol der indigenen Bevölkerung

Arguedas gehörte nicht zur indigenen Bevölkerung, wuchs aber mit ihr auf, lernte ihre Sprache Quechua. Indigene Motive bemüht er auch in "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten". Der Fuchs im Buch steht teilweise für Fruchtbarkeit, für das weibliche Geschlechtsorgan und die Bucht, die mit ihren Fischen die Menschen ernährt.

Als Fuchsgestalt, und zwar der Welt von unten und der Unterwelt, entpuppt sich der junge, westlich gekleidete Diego. Der stattet Ángel, dem Leiter einer Fischmehlfabrik, einen Besuch ab, tötet ein Insekt mit den Zähnen und legt es auf Ángels Schreibtisch:

"Zeigen Sie mir die Fabrik, Don Ángel, oder, falls nicht, sagen Sie mir, wo in Ihrer Niere oder in Ihrem erfahrenen Verstand meine Sprünglein und Worte einen Widerhall gefunden haben. Hier ist das körperhafte Tierchen, dem ich zum Tod verholfen habe. Weil, hören Sie, das ist der Beruf, den ich gerne hätte, nicht wahr? Zum Tod verhelfen und dann stärker sein als der Tod. Ui, ui, ui ...!" Leseprobe

Dieser Mafioso in fuchsartiger Menschengestalt wurde wohl vom Fischmehl-Milliardär Braschi geschickt, von dem viel geredet wird, der aber nie selbst in Erscheinung tritt, was ihn noch mächtiger erscheinen lässt.

Arguedas übt Kapitalismuskritik

Die Fischer verprassen ihr Geld in seinen Bordellen und bauen sich Häuser von seinen Krediten. Aber sowohl sie als auch die armen Indios aus den Barackensiedlungen über der Stadt wollen sich seiner mafiösen Macht entziehen. Es liegt ein Hauch von Revolution in der Luft. Nur wem kann man noch trauen?

Arguedas übt Kapitalismuskritik. Aber der Vorwurf, er idealisiere die Indigenen und verteufele die westliche Moderne und deshalb tauge seine Literatur nichts, wird ihm nicht gerecht. Einerseits, weil auch in "Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten" diese zwei Welten und ihre Menschen längst auf komplexe Weise miteinander verwoben und oft Gut und Böse nicht klar zuzuordnen sind.

Andererseits, weil wir es hier mit großer Literatur zu tun haben. Die ist mal ganz realistisch nah dran an der Gesellschaft, dann wieder fantastisch, mythisch oder archaisch entrückt, immer aber von einer überwältigenden Bildkraft. Arguedas irrte gewaltig, als er kurz vor seinem Selbstmord seinen unvollendet gebliebenen Roman als "verkrüppelte, unausgewogene Geschichte" bezeichnete.

Der Fuchs von oben und der Fuchs von unten

von
Seitenzahl:
316 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Wagenbach
Bestellnummer:
978-3-8031-3316-8
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.12.2019 | 12:40 Uhr

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