Stand: 23.05.2019 12:40 Uhr

Erzählungen eines Hobby-Ornithologen übers Klima

Das Ende vom Ende der Welt
von Jonathan Franzen, aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Wieland Freund
Vorgestellt von Lisa Kreißler
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Franzens neues Buch ist kein Roman. In verschiedenen Texten macht er sich Gedanken über das Weltgeschehen.

Mit dem Buch "Die Korrekturen", das 2002 in Deutschland erschien, gelang dem US-amerikanischen Schriftsteller Jonathan Franzen ein Weltbestseller. Die darauffolgenden Gesellschaftsstudien "Freiheit" und "Unschuld" etablierten Franzen zu einem großen Romancier unserer Zeit. Weniger bekannt ist er deutschen Lesern als Essayist. In dem nun bei Rowohlt erscheinenden Band "Das Ende vom Ende der Welt" sind nun zum ersten Mal, in der Übersetzung von Bettina Abarbanell und Wieland Freund, Reflexionen des Autors über sein Leben im Angesicht der Klimakatastrophe zusammengetragen.

Essays über Klimadebatte und Donald Trump

Jonathan Franzen eröffnet seinen Essayband mit einem Text, der den Furor dieser spielerischen literarischen Form sofort hervorplatzen lässt. Unter dem Titel "Der Essay in finsteren Zeiten" schraubt er sich in aufregenden Denkbewegungen von einer poetologischen Betrachtung seiner Arbeit als Essayist über den Wahlsieg Donald Trumps mitten hinein in die brisanteste Frage dieser Tage: Wie schaffen wir es, uns nicht weiterhin nur das überstrapazierte Vokabular der Klimadebatte um die Ohren zu hauen, sondern endlich etwas zu tun? Mit dem Wissen um seine eigene Lächerlichkeit entblößt sich Franzen als einen besessenen Vogelliebhaber.

Zu meiner Schande bin ich, was man in der Welt des Vogelbeobachtens einen "Lister" nennt. Nicht, dass ich Vögel nicht um ihrer selbst willen lieben würde. Ich beobachte Vögel um ihrer Schönheit und Vielfalt willen, um mehr über ihr Verhalten und die Ökosysteme zu erfahren, deren Teil sie sind, und um lange, konzentrierte Wanderungen an neuen Orten zu unternehmen. Aber ich führe auch viel zu viele Listen. Leseprobe

Franzen kämpft für den Artenschutz

In den folgenden Texten - denn um Essays handelt es sich bei den meisten nicht, vielmehr sind es Erzählungen und Reportagen - nimmt Franzen den Leser samt Fernglas und Liste mit auf eine Reise um die Welt. Er macht sich stark für den Artenschutz, in dem er progressive Naturschutzprojekte ins Visier nimmt, wie etwa das des Ehepaares Janzen/Hallwachs. In Costa Rica integrierten sie Angestellte und Sicherheitspersonal eines Nationalparks in die Inventur aller Tier- und Pflanzenarten und erreichten eine Identifikation der Menschen mit der Umgebung.

Wer als Kind eine Woche im Trockenwald verbringt, Insektenpuppen und Ozelot-Kot untersucht, kann als Erwachsener vielleicht mehr im Wald sehen als bloß eine ökonomische Ressource. Leseprobe

Neben den Reisen in die Habitate bedrohter Vogelarten tauchen immer wieder Geschichten aus Franzens Alltag als New Yorker Schriftsteller auf - und als privilegierter weißer Mann.

Erfahrungen aus New York

Östlich der Bowery waren die gefährlichen Alphabet-Straßen und Sozialwohnungssiedlungen - auf meiner geistigen Karte der Insel ein No-go-Gebiet. Aber woanders im südlichen Manhattan fand ich das ästhetische Erlebnis, nach dem ich gesucht hatte. Sohos Verwandlung war noch im Larvenstadium, auf den Straßen des Viertels herrschte Ruhe, die Eisenpfeiler schälten sich. Leseprobe

In dem Mini-Memoir "Manhattan 1981" erinnert er sich an seine ersten Monate in New York. Er beschwört die Gegensätze der Stadt herauf, Arm-Reich, Schwarz-Weiß, und geht, gepeinigt von der Angst erschossen zu werden, durch die Straßen. Die Collage zivilisatorischer und ökologischer Motive zielt ab auf das Spiel der Widersprüche, das den Klimawandel zu einem scheinbar unbezwingbaren Gegner für unsere kapitalistische Gesellschaft macht.

Erkenntnisse in der Antarktis

Am Ende des Buches bereist Franzen mit dem Schiff die Antarktis, ein wahnwitziges, kostspieliges Unternehmen. Die Mitreisenden fotografieren, was das Zeug hält, und der glückliche Franzen bekommt endlich einen Kaiserpinguin zu sehen. Viel mehr als die Befriedigung des "Listers" wiegt allerdings bei dieser Reise ein anderes Gefühl:

Wie viel besser war es doch, gelangweilt und frierend das Meer zu beobachten, als tot zu sein. Leseprobe

Auch wenn in "Das Ende vom Ende der Welt" etwas zu oft der Hobbyornithologe mit Franzen durchgeht - die Namen exotischer Vögel flattern durch das gesamte Buch - und er trotz seiner Sorge um seine Lieblingsspezies permanent um die Welt jettet, nur um seine Listen fortzuschreiben, kristallisiert sich aus der Anthologie der richtige Appell heraus: Jetzt ist die Zeit, etwas zu tun. Also los!

Das Ende vom Ende der Welt

von
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-02009-5
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

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