Stand: 07.02.2018 14:00 Uhr

Ein Kind verschwindet

Speicher 13
von Jon McGregor, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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Für dieses Buch wurde Jon McGregor mit dem Costa Book Award ausgezeichnet.

Der Münchner Liebeskind Verlag ist bekannt dafür, herausragende Texte noch unbekannter internationaler Autorinnen und Autoren für den deutschen Buchmarkt zu entdecken. Soeben ist dort der Roman "Speicher 13" des Briten Jon McGregor erschienen.

 

Ein Dorf wie aus dem vergangenen Jahrhundert

Das Dorf liegt im Peak District, die nächsten Großstädte sind Sheffield und Manchester. Es gibt ein großes Waldgebiet, Moore und viele Stauseen in der Umgebung. Die Menschen leben von der Schafzucht und von der Milchwirtschaft, manche auch schon vom Tourismus, aber eigentlich spielt sich das Dorfleben noch so ab wie im vorigen Jahrhundert.

Der Hubschrauber war die ganze Nacht unterwegs gewesen und hatte nichts gefunden, obwohl er die Suchscheinwerfer über das Heidekraut und die anschwellenden braunen Bäche wandern ließ. Das hatte Jacksons Schafe so verschreckt, dass sie durch ein kaputtes Gatter ausgebrochen waren, und Jackson war die ganze Zeit unterwegs gewesen, um die versprengten Tiere wieder zusammenzutreiben. Leseprobe

Ein dreizehnjähriges Mädchen, das mit den Eltern die Weihnachtsferien im Dorf verbrachte, ist spurlos verschwunden.

Als sie zum letzten Mal gesehen wurde, trug sie einen weißen Kapuzenpullover mit einer marineblauen Daunenweste darüber, schwarze Jeans und Stoffturnschuhe. Sie war einen Meter fünfzig groß und hatte glatte, dunkelblonde, schulterlange Haare. Leseprobe

Suche nach dem verschwundenen Mädchen

Der Roman beginnt exakt nach dem Schema eines Krimis und als Leser ist man entsprechend konditioniert: Man wird alles, was nun folgt, mit wachen Sinnen auf mögliche Hinweise abklopfen, wer für Rebecca Shaws Verschwinden verantwortlich sein könnte. Wir lernen aber keinen Kommissar und keinen Detektiv kennen, sondern die Dorfbewohner, die ab jetzt mit dem Wissen leben, dass dort draußen im Moor oder in einem der Speicherseen eine Leiche liegen dürfte.

"Mich haben schon immer Klang und Rhythmus der Sätze interessiert, und all das, was man mit Sprache machen kann, um Bilder und Töne in die Köpfe der Leser zu bringen, all die Fragen", sagt Jon McGregor. "Für mich beginnt ein Roman immer mit Fragen und geht hoffentlich auch so weiter, denn das sollte ein Roman für die Leser sein, ein stetiges Fragenstellen, sodass sie beim Lesen die Antworten herausfinden - oder vielleicht auch die Fragen mitnehmen."

Viele Anhaltspunkte, aber keine heiße Spur

In diesem besonderen Roman werden zehn Jahre vergehen, in denen die Eltern des verschwundenen Mädchens immer wieder im Dorf auftauchen, bald schon getrennt, aber verzweifelt nach einer Spur ihres Kindes suchend. Einmal wird ein weißer Kapuzenpullover gefunden, der Beckys gewesen sein könnte.

Später einmal zieht Cathy Harris den Hund Nelson von einer zerschlissenen dunkelblauen Daunenweste weg, aber ihr liegen schon ganz andere Dinge auf der Seele und sie wird das Kleidungsstück gar nicht mit dem Mädchen in Verbindung bringen.

James Broad, damals ein Junge in Beckys Alter, gibt Jahre später seinen Freunden gegenüber zu, dass er an dem Tag mit ihr verabredet war, aber sie ist nicht gekommen. Der Hausmeister der Schule weigert sich beharrlich, einen Heizungsmonteur das Kesselhaus betreten zu lassen. Jetzt, denkt man, wird das Mädchen gefunden. Aber immer wieder wird es Frühling, Sommer, Herbst und Winter, und es gibt keine heiße Spur.

Kluge Beobachtungen und stimmungsvolle Beschreibungen

Jon McGregors stimmungsvolle Beschreibungen der Natur und klugen Beobachtungen zwischenmenschlicher Beziehungen, in denen Liebe und Treue fast, aber dann doch nicht lebbar sind, tragen durch dieses Buch wie durch eine zu prallem Leben erwachte Dorfchronik.

Auf eine Woche Regen folgten noch einmal warme, freundliche Tage, und die Parzellen im Gemeinschaftsgarten verwandelten sich in einen Urwald. Wiesenkerbel und Brennnesseln wucherten und die Ackerwinde trompetete in jeder Hecke, was bei den alten Hasen im Vorstand nicht unbemerkt blieb. Clive topfte Zucchini und grüne Bohnen ein und beobachtete dabei Susanna Wright, die ihre Parzelle mit einer Gartenschere bearbeitete. Ashleigh schlug den Nesseln mit einem Stock die Spitzen ab und erreichte damit mehr als ihre Mutter. Leseprobe

So schön erzählen muss man erst mal können!

Speicher 13

von
Seitenzahl:
352 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Liebeskind
Bestellnummer:
978-3-95438-084-8
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.02.2018 | 12:40 Uhr

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