Stand: 27.03.2019 10:00 Uhr

Ein globaler Kollaps wird vorausgesagt

Der Wal und das Ende der Welt
von John Ironmonger, aus dem Englischen von Maria Poets und Tobias Schnettler
Vorgestellt von Christiane Irrgang

Geboren in Nairobi, erzogen in einem englischen Internat, Promotion in Zoologie und schließlich Arbeit in der IT-Branche - John Ironmonger hat nicht gerade die klassische Laufbahn eines Schriftstellers. Auf Twitter stellt er sich außerdem noch vor als "Kreuzworträtseler, Ehemann, Vater, Großvater" - und als einen, der schon mal ein Javanisches Rhinozeros gesehen habe. Wer seine Tweets und Retweets verfolgt, erkennt in ihm auch einen politisch engagierten Menschen.

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Durch den Zeitpunkt seines Erscheinens in Deutschland ist "Der Wal" irgendwie auch ein Buch zum Brexit geworden.

Geschrieben habe er schon immer, sagt John Ironmonger. Er begann 1994 mit einer Untersuchung von britischen Zoos und Safariparks. Seinen ersten Roman veröffentlichte er 2012. In schneller Folge ging es weiter: mit Büchern, Buchpreisen und Übersetzungen in zahlreiche Sprachen. Nun ist Ironmongers vierter Roman in Deutschland herausgekommen: "Der Wal und das Ende der Welt". Assoziationen aller Art sind bei diesem Titel natürlich erlaubt.

Ein beschauliches Dorf in Cornwall

Wenn der Protagonist eines Buches mit dem Titel "Der Wal" Joe heißt, dann braucht man kein Theologe zu sein, um an die biblische Geschichte von dem Propheten Jona zu denken, der in Seenot gerät, von einem großen Fisch verschlungen und nach drei Tagen wieder lebend ausgespuckt wird. Daran hat natürlich auch John Ironmonger gedacht, als er seinen Joe Haak nackt an der Küste von Cornwall auf - und ganz in der Nähe einen Wal abtauchen lässt. Kurz darauf strandet der Wal am selben Ufer und Joe mobilisiert die Bewohner des Dorfes St. Piran, um gemeinsam das riesige Tier freizuschaufeln und ebenfalls zu retten.

So wird er einer von ihnen, einer von gut 300 Menschen, die so abgelegen wohnen, dass ihr beschauliches Dorf fast einem Biotop gleicht. Kenny Kennet, der Strandgutsammler, Aminata Chikelu, die Krankenschwester, der Schriftsteller Jeremy Mellon, Dr. Mallory Books, der Dorfarzt, die Lehrerin Martha Fishburne, der bärbeißige Pfarrer Alvin Hocking und seine junge Frau Polly - John Ironmonger hat lauter liebenswerte, leicht schrullige Charaktere erfunden, wie man sie vielleicht auch in den Romanen von Rosamunde Pilcher oder Maeve Binchy antrifft. Aber "Der Wal" - so angenehm sich das Buch auch liest - ist weit mehr.

Totale Anarchie bedroht die Welt

"Es heißt ja, man brauche drei Dinge für einen gelungenen Roman: eine gute Geschichte, gute Charaktere und einen guten Schreibstil", sagt John Ironmonger. "Aber ich glaube, es gibt noch ein viertes Element: Ich mag Romane, die meinen Horizont erweitern, die mir etwas Tiefgründiges über die Menschheit erzählen und die mich die Welt mit anderen Augen betrachten lassen." 

Dazu werden auch die Bewohner von St. Piran gezwungen. Ihr neuer Adoptivsohn Joe ist nämlich ein Mathematiker und Analyst im Dienst einer Londoner Bank. Er hat an der Entwicklung eines Algorithmus mitgearbeitet, der Modelle von den Abhängigkeiten der Welt erstellt. Ursprünglich um die Kursbewegungen vorhersagen zu können.

Aber nun hat das ständig wachsende System einen globalen Kollaps prognostiziert, ganz einfach, indem erst ein Teil einer Lieferkette ausfällt und am Ende - sehr bald - weltweite Nachschubwege und Systeme zusammenbrechen. Dann nur noch ein Grippevirus, das sich rasend schnell verbreitet, und totale Anarchie wäre die Folge. Joe fühlt sich mitschuldig an der Entstehung dieses Katastrophenszenarios, er ergreift die Flucht und landet in Cornwall.

Ein Rettungsversuch für die Dorfbewohner

Wenn er schon nicht die ganze Welt retten kann, dann zumindest das Dorf St. Piran. Mithilfe von Polly, der lebenshungrigen Pfarrersfrau, setzt er sein gesamtes Geld in Lebensmittel um und hortet sie für den Ernstfall im Kirchturm: 3.800 Pakete mit Konserven, Tütensuppen, Trockenfrüchten, Müsli, Zucker, Bohnen, Linsen, Reis, Nudeln, Honig, Marmelade, Olivenöl, Ei- und Milchpulver, Kakao, Brühwürfeln und noch viel mehr.

Als die Grippe tatsächlich ausbricht, versuchen die Dorfbewohner, sich komplett von der Außenwelt abzuschirmen. Doch zu spät. Joe wird krank.

"Jedes Wirtschaftsmodell basiert auf der Annahme, dass menschliche Wesen sich selbstsüchtig verhalten werden", hat Joes Chef erklärt. "Egoismus ist bloß eine andere Umschreibung für den Überlebensinstinkt, und das ist eine der positivsten Eigenschaften, die wir besitzen."

Hier steht der Leviathan von Thomas Hobbes Pate, den John Ironmonger natürlich auch gelesen hat. Durch den Zeitpunkt seines Erscheinens in Deutschland ist "Der Wal" irgendwie auch ein Buch zum Brexit geworden. Eine Mischung aus leicht anachronistischem englischen Dorfleben mit Pub und Kirche und dystopischen Szenarien, wie sie derzeit reihenweise für die Briten entwickelt werden.

Doch John Ironmonger kann, anders als die Politiker, seine Story gut ausgehen lassen. Das Dorf überlebt, die postapokalyptische Welt rappelt sich wieder auf, Liebespaare finden zueinander, und Joe - geht weg. Vielleicht warten neue Aufgaben auf ihn, vielleicht wird er weiter nach den Antworten auf die großen Fragen suchen. Als amerikanischer Kinofilm wäre all das unerträglich dick aufgetragen und kitschig. In diesem Buch funktioniert es. Sehr gut sogar.

Der Wal und das Ende der Welt

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer
Bestellnummer:
978-3-10-397427-0
Preis:
22,00 €

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