Stand: 08.04.2019 12:00 Uhr

In der Baustellenhölle Urfustan

Ein Auftrag für Otto Kwant
von Jochen Schmidt
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Jochen Schmidt gehört in der Schriftstellergeneration der heute etwa 50-Jährigen zu den aufregendsten und einfallsreichsten Autoren. Von Anfang an hat Schmidt, der 1970 in Ostberlin geboren wurde, Romane über die Wendezeit und seine Kindheit und Jugend in der DDR geschrieben. Für seine besondere Mischung aus pointierter Komik und existenzieller Traurigkeit wurde er viel gelobt. Auch Schmidts neuer Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant" ist urkomisch und erschreckend düster zugleich.

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Jochen Schmidts Roman "Ein Auftrag für Otto Kwant" spielt in Urfustan, einem fiktiven postsowjetischen Staat.

Der Architekturstudent Otto Kwant bekommt die Chance, in einem bedeutenden Architekturbüro eine Stelle als Assistent anzutreten. Das Gebäude, in dem sich das Büro des Stararchitekten Holm Löb befindet, ist hypermodern. Mit Bauchkrämpfen eilt Otto zu den Waschräumen. Angsterfüllt wartet er, bis sein Chef, mit dem er sich gleichzeitig dort befindet, endlich den Raum verlässt. Doch dann gerät er erst recht in Not.

"Otto fand kein Toilettenpapier, es gab nur eine ganze Batterie von Knöpfen, die er ausprobierte, woraufhin eine Geräuschfee verschiedene Spültöne machte, ein Gebläse in Gang gesetzt wurde, ein pulsierender Wasserstrahl ... und aus einer Düse Raumspray strömte. Schließlich zog er sich einen Strumpf aus und tunkte ihn ins Wasser, um sich zu reinigen. Den Strumpf warf er anschließend in den Papierkorb. Er zog den anderen Strumpf aus, um ihn auch wegzuwerfen, überlegte es sich aber anders und steckte ihn in die Hosentasche, als Reserve." Leseprobe

Bizzare Handlung mit Infos über moderne Architektur

Eine solch zutiefst prekäre und doch erheiternde Situation baut Jochen Schmidt ein in einen Roman, der als Fortsetzung von Kafkas "Schloss" in die Literaturgeschichte eingehen könnte. Die Handlung von "Ein Auftrag für Otto Kwant" ist bizarr. Die Beschreibung der Ereignisse aber ist durchwirkt mit einem brillant formulierten Essay über moderne Architektur und ihre Helden wie Le Corbusier oder Alvar Aalto. Architektur könne Ehen zerrütten, sagt eine der Figuren, und Kwant fasst den Stand der Dinge zusammen:

"Es hat sich nichts geändert, Architektur ist ein Magnet für Egozentriker, die darauf brennen, möglichst viel Fläche dieses Planeten unter Asphalt und Beton verschwinden zu lassen. Dabei ist Bauen in der Regel nur die teuerste Lösung für ein Problem. Es geht immer um Strukturen, nicht um Design." Leseprobe

Einsatzort Urfustan: Fiktiver Staat mit seltsamen Bräuchen

Otto Kwants Chef bekommt einen wichtigen Auftrag. Zültan Tantal, der Staatschef von Urfustan, bittet zum Gespräch. Der weit im Osten gelegene Staat war bis gestern praktisch noch eine von Nomaden bewohnte Steppe, hat mittlerweile aber eine Metropole als Hauptstadt.

Doch der Stararchitekt Löb wird zügig ausgebootet und Kwant soll übernehmen. Der Präsident zeigt ihm die mit aberwitzigen, riesigen architektonischen Zumutungen vollgestopfte Stadt:  

"Und das ist erst der Anfang. Ganz Urfustan ist eine Baustelle. Ihre Kollegen stehen bei uns Schlange. Sie erkennen ihre Gebäude daran, dass sie gerne auf die traditionelle urfische Formensprache zurückgreifen, während unsere einheimischen Architekten sich krampfhaft davon distanzieren." Leseprobe

Kwants Flucht aus Urfustan scheint unmöglich

Auch Löb hatte eine überdimensionierte Jurte aus Beton bauen wollen. Otto Kwant versucht, aus Urfustan zu fliehen. Er wird aber erwischt und kommt in ein Gefängnis, das Bewusstseinsschule heißt. Zusammen mit einem menschlichen Ungeheuer wird er in eine Zelle gesperrt. Er erkundet sich nach seinem Zellengenossen:

"'Hat er seine Frau verspeist?' 'Nein, er hat Blindschach gespielt.' 'Ist das denn verboten?' 'Ja, natürlich.' Das Verbot stammt noch aus der Sowjetunion, Mediziner hatten damals beobachtet, dass die unmenschliche Konzentration beim Blindschach [...] schwere Gehirnschäden verursachen kann." Leseprobe

Aussichten, das Land heil verlassen zu können, bleiben Kwant kaum. Es heißt:

"Offiziell begriffen die Schüler der Staatlichen Bewusstseinsschule von Urfustan ihre Ausbildungszeit als großzügig von der Gesellschaft gewährte Chance, an ihren charakterlichen Mängeln zu arbeiten. [...] Das Schließsystem diente deshalb nicht dazu, ihre Flucht zu verhindern, sondern sollte sie vor Übergriffen der verständlicherweise gegen sie aufgebrachte Bevölkerung schützen." Leseprobe

Nichts für Freunde von glücklichen Romanenden

Otto Kwant gelingt die Flucht, doch er hat kein Geld und keinen Pass mehr, um außer Landes zu kommen. Er begegnet Bauern, die vor Generationen aus Deutschland umgesiedelt wurden und die ihm nach Kräften behilflich sind. Und er begegnet einer deutschen Reisegruppe, die gleichgültig auf seine Notsituation reagiert. Die erfahrenen Busreisenden vergleichen, was sie in Urfustan sehen, mit Eindrücken ähnlicher Touren in Asien oder Afrika. Nur Willi lässt sich breitschlagen, Otto zu helfen.

Für Freunde von glücklichen Schlüssen wird der Roman dennoch nichts mehr. Aber durchaus für Freunde von furioser, schräger, kristallklarer und aberwitziger Literatur, bei der man für Sekunden alles auf der Welt zu verstehen meint und dann doch lieber das meiste vergessen möchte.

Ein Auftrag für Otto Kwant

von
Seitenzahl:
374 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
C.H. Beck
Bestellnummer:
978-3-406-73376-5
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 09.04.2019 | 12:40 Uhr