Stand: 30.04.2020 11:14 Uhr  - NDR Kultur

Jochen Hein: "Reflexion"

Reflexion
von Jochen Hein
Vorgestellt von Peter Helling

Der in Husum geborene und in Hamburg lebende Künstler Jochen Hein malt scheinbar Simples: Meer, Himmel, Bäume - allerdings ganz anders als es der erste Blick vermuten lässt. In seinem neuesten Bildband mit dem Titel "Reflexion" macht er das Betrachten der Natur selbst zum Thema. Ein Besuch in Heins Atelier.

Wenn man Jochen Heins Bildband "Reflexion" aufschlägt, erkennt man zunächst einmal keine Motive. Stattdessen sehen die Betrachter blitzende Lichtreflexe, als würden Ihre Augen geblendet. Zitternd legt sich das Licht auf die Netzhaut, es ist der Horizont, eine Linie. Sie sehen eine unendliche Wasserfläche.

Widerspruch zwischen Sehen und Empfinden

"Dieser Widerspruch zwischen dem, was wir sehen, welche Empfindungen wir damit empfinden und dem, was wirklich da ist, diese Illusion, der wir aufsitzen - das wollte ich immer bearbeiten", erklärt Hein. Ist es das Meer? Oder eine Täuschung von Meer? Die Fülle an Formen verweigert jede Deutung. "... als wenn man nur diesen barocken Bilderrahmen ohne das Bild hat", sagt Jochen Hein.

Man denkt, man sieht das Meer. Oder doch nicht? Über eine ganze Doppelseite ziehen sich nur blaue Striche, Punkte, Pinseltupfer. Es wirkt wie ein Verwirrspiel. Ein Bilduntertitel heißt "Schwarzes Meer". Aber spielt das eine Rolle? Es ist wohl mehr die Empfindung von Meer.

Hein versucht Erinnerungen abzubilden

"Das heißt, wenn ich die Farbe laufen lasse, dann ist es eigentlich nur, dass ich erkenne: Ah, dich kann ich behalten, das ist gut", beschreibt Hein seine Herangehensweise. "Ich versuche mich in den Eindruck hineinzuversetzen, den ich hatte, als ich als Kind das erste Mal an der Jammerbucht die tosende Brandung auf mich zustieben sah."

Blättert man eine Seite weiter, sieht man scheinbar dasselbe: Wieder ein Horizont und zitternde Wellenkämme. Die reine Abstraktion der Natur. Ist das banal? Der Betrachter denkt womöglich an 'abgemalte Fotos', aber genau darin liegt Jochen Heins Kunst. Auf den zweiten Blick wird klar: Das sind keine Fotos, das sind Pinselstriche, ein Farbgewirr, Lichttupfer, Schlieren aus blau und weiß. Jochen Hein sucht genau diesen Effekt, zeigt das scheinbar Vertraute. Und lässt die fotografische Wirklichkeit einbrechen. "Das ist wie ein Song, oder eine Sinfonie, die man andern auch mal gerne vorspielen möchte", so Hein.

Die Wasseroberfläche ist hier nicht oberflächlich. Jochen Hein malt das scheinbar Banale, das Einfache. Jochen Hein malt das Dazwischen - zwischen Erinnerung und Gegenwart.

Der Zufall entscheidet über Bilder

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Jochen Hein will keine Routine in seinen Bildern.

Oft lässt er beim Malen den Zufall entscheiden, schüttet Farbe aus und beobachtet, was sie macht. Beim Blättern durch den Bildband kommt man diesen kräftigen Acryl-Klecksen ganz nahe. "Ich habe herausgefunden, dass, wenn mir irgendetwas ausgekippt ist und ich es abwische, dann gibt die Struktur aus dem Untergrund mir viel mehr Komplexität, als wenn ich einen Pinsel benutze. Das heißt, ich überliste mich in der Regel selbst", sagt der Künstler.

Manchmal wechselt Hein die Malhand. Ihm geht es darum, neue Striche, neue Formen ausprobieren, er will bloß keine Routine. Und trotzdem treibt ihn die Liebe zum Seriellen. Er will jede Nuance festhalten. Jedes Lichtspiel auf einem Wellenkamm wird hier sichtbar. "Tatsächlich ist diese Abstraktion und Fremdheit, die in der Natur selbst liegt, auch etwas, was ins Bild passen muss", meint der Künstler.

Eine Welle, eingefangen im Augenblick

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Wellen werden in Heins Bildern lebendig.

Eine ganze Seite zeigt eine brechende Woge vor schwarzem Sturmhimmel, einen Kaventsmann, eingefangen im Augenblick. Es ist ein unmögliches Bild, sozusagen 'nichts': der Hauch einer Sekunde zwischen Jetzt und Jetzt.

"Indem ich die Welt versuche einzufangen in Form einer Welle, dann habe ich natürlich nicht die Welle selbst als Gegenstand, sondern alle Bilder zu den Wellen, die gemacht wurden und die sich bei mir auf eine Weise überlagern, dass ich sage: Da nehme ich das Teil, da nehme ich das Teil, das andere lass ich weg. Insofern kann ich so etwas Wildes anhalten und auf 'Slowmotion' machen", erklärt Hein.

Slowmotion, Zeitlupe: Tatsächlich verlangsamen Jochen Heins Bilder die Zeit fast bis zum Stillstand. Das Banale, es wird tief: Im Wimpernschlag entsteht diese Kunst, wird fast über-wirklich. Was Jochen Hein also eigentlich malt, ist die Wahrnehmung selbst. Ist der Vorgang des Sehens an sich: "Im Grunde genommen schlüpft man in meinen Kopf und baut sich die Welt nochmal nach anhand dieses Bildes."

Eine Welt ohne Menschen

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Jochen Heins Bildband zeigt eine Welt ohne Menschen.

Auffallend ist: In seinen Bildern gibt es keine Menschen, keine Gegenstände oder Gebäude. Der einzige Mensch im Bild, das sind Sie selbst. Sie, der Betrachter, die Betrachterin, vor dem Bild. 

So versetzt Jochen Hein das Auge in eine Art Trancezustand. Schäumende Gischt, treibende Wolken und plötzlich, ein paar Seiten weiter, ein Büschel Gras, wie unter der Lupe. Grün tropfendes Laub, Bäume, ein nasser Nebel, der in den Ästen hängt. Fast physisch erlebbar in radikalen Bildausschnitten. Der Husumer Schlosspark? Oder doch ein Urbild von Wald? Eine Täuschung und eine Enttäuschung: Die Bilder sind beides.

"Ich werfe dir einen Brocken hin und du glaubst absolut genau das, was du auch sonst immer glaubst: 'Das ist ein Baum.' Man kann keinen Baum anschauen, man würde verrückt werden. Alles was wir sehen, bauen wir einfach ganz schnell fertig, sonst würde unser Hirn platzen."

Jochen Hein lädt in diesem eleganten Bildband ein zum 'Abenteuer Sehen', zum 'Abenteuer Zeit'. Die malerische Perfektion, die Kunst der Oberfläche wird hier zur Tiefenbohrung. Auf den zweiten Blick, wenn man sich darauf einlässt, öffnet sich das Auge weit. 

Reflexion

von
Seitenzahl:
184 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
131 Abb., gebunden, 32,00 x 27,00 cm, Texte von Anne Simone Krüger, Nicole Büsing & Heiko Klaas, Holger Liebs
Verlag:
Hatje Cantz
Bestellnummer:
978-3-7757-4678-6
Preis:
48,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 03.05.2020 | 17:40 Uhr

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