Stand: 04.12.2019 14:20 Uhr  - NDR Kultur

Journalismus als Waffe

Das Letzte, was er wollte
von Joan Didion, aus dem Amerikanischen von Sabine Hedinger
Vorgestellt von Lisa Kreißler

Nur wenige Schriftstellerinnen verfolgen die politische Entwicklung der USA so leidenschaftlich und streitlustig wie die mittlerweile 85 Jahre alte Joan Didion. Mit Reportagen und Essays begleitet sie seit den 60er-Jahren kritisch und wachsam das amerikanische Zeitgeschehen. In ihren Romanen wandelt sie historische Ereignisse gern mit den Mitteln der Fiktion um. Der 1996 erstmals erschienene Roman "Das Letzte, was er wollte" führt mitten hinein in die undurchsichtige Zeit der Reagan-Ära, scheint aber auch für die Gegenwart bedeutsam zu sein.

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2019 wurde die Geschichte mit Anne Hathaway und Willem Dafoe in den Hauptrollen verfilmt. Der Ullstein Verlag legt das Buch nun noch einmal neu auf.

"Wenn man nicht feste, ruhige Linien am Horizonte seines Lebens hat, Gebirgs- und Waldlinien gleichsam, so wird der innerste Wille des Menschen selber unruhig, zerstreut und begehrlich." Dieses Zitat von Friedrich Nietzsche lässt die Erzählerin, eine Journalistin, scheinbar beiläufig in der Mitte ihrer Recherchearbeit über das undurchsichtige Schicksal ihrer Kollegin Elena Mac Mahon fallen. Zielsicher beschreiben diese Zeilen, wie man sich als Leser von Joan Didions fragmentarischem Investigationsthriller fühlt: Der Erzählstimme ausgeliefert, zwischen Wahrheiten schwankend, auf der Suche nach Halt.

Illegale Waffengeschäfte zur Zeit des Contra-Krieges

Es geht um die Verstrickung der Journalistin Elena Mac Mahon in den illegalen Waffenhandel während des Contra-Krieges Anfang der 80er-Jahre. Die USA unterstützte damals bewusst gegen gesetzliche Bestimmungen die Contra-Rebellen beim Sturz der sandinistischen Regierung Nicaraguas. In dieser Zeit schmeißt Elena Mac Mahon recht plötzlich ihre Arbeit für die Washington Post im Wahlkampf und fährt zu ihrem kranken Vater nach Florida. Der alte Mann baut ab, hat aber unerledigte Aufgaben an seine Tochter weiterzugeben.

Falls du dich auch nur ein Fitzelchen für das interessierst, was ich so treibe, sagte er, als sie sich ihm gegenüber an den Tisch setzte, dann kann ich dir so viel verraten, dass es 'ne große Sache ist. Leseprobe

Wenige Zeit später findet sich Elena auf einem Militärflughafen auf einer Insel vor Costa Rica wieder und vollendet einen Waffendeal, den sie selbst kaum zu überblicken scheint. Mit spärlichen Informationen ausgestattet, hangelt sie sich durch die Codes der Unterwelt in immer größere Schwierigkeiten hinein. Am Ende sitzt sie mit gefälschtem Pass auf einer Insel fest, auf der niemand ist, wer er zu sein scheint.

Der Roman liefert Stoff für einen Hollywoodfilm

Das Setting von Joan Didions Roman versprüht schwebenden Hollywood-Glamour: Trenchcoats, Fernsprecher, Hotelzimmer, erschossene Straßenampeln. Sein Thema ist jedoch von größter Komplexität. Es geht um das Schattenspiel der Wahrheit. Dafür lässt Didion ihre Journalistin einerseits kühl-sachlich aus den Akten zitieren, andererseits erzählt sie kleine Szenen aus dem Leben Elena Mac Mahons. In diesen Szenen kommt man ihrem Innenleben vielleicht am nächsten.

Sie ignorierte jeden Artikel, der sich mit dem Wahlkampf beschäftigte. Am liebsten las sie Artikel, die etwas mit Naturgewalten zu tun hatten, Artikel über neue Anzeichen für Riff-Erosionen auf den Malediven etwa oder die jüngsten Forschungsergebnisse über die kalte pazifische Meeresströmung El Niño. Leseprobe

Die Motive von Elena bleiben im Dunkeln, wie auch der Showdown dem Leser keine Katharsis schenkt. Es gibt zu viele Blickwinkel, zu viele Lügen, zu viele zurückgehaltene Informationen. Nicht nur die politischen Akteure, die Didions Journalistin befragt, sagen nicht alles, was sie wissen, auch die Erzählerin verschweigt dem Leser berechnend Details.

Sprache als Werkzeug der Täuschung

Es wird Ihnen bereits aufgefallen sein, dass ich den Namen der Insel nicht angebe. Dies ist meine ganz persönliche Entscheidung (andere Autoren, etwa die Verfasser der Rand-Studie, haben die Insel durchaus namentlich erwähnt); ich würde also keine Geheimhaltungsvorschrift verletzen. Es ist einfach so, dass der Name Sie befangen machen würde. Leseprobe

Mit ihrer Collage aus Interviewschnipseln, Aktenzitaten und skizzierten Begegnungen befeuert Joan Didion nicht nur den Diskurs über das Ethos journalistischer Berichterstattung, der seit den gefälschten Artikeln des Journalisten Claas Relotius unüberhörbar geworden ist, sie entlarvt auch ihr eigenes Werkzeug als Waffe der Täuschung: Die Sprache hat das Potential zu blenden und zu verbergen, und dennoch, daran lässt Didion keinen Zweifel, bleibt uns nichts anderes übrig, als weiter an ihr festzuhalten.

Das Letzte, was er wollte

von
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Ullstein
Bestellnummer:
978-3-550-20050-2
Preis:
22,00 €

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