Stand: 24.02.2019 10:00 Uhr

Erinnerungen eines Greises

Winterbergs letzte Reise
von Jaroslav Rudiš
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Der Roman erinnert an die beste Prosa Thomas Bernhards - und auch an dessen Humor.

Längst hat sich der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš auch hierzulande einen Namen gemacht. Seine Romane "Der Himmel unter Berlin", "Grandhotel" und zuletzt "Nationalstraße" fanden ein großes Publikum. Nun hat er seinen ersten Roman auf Deutsch geschrieben und konnte somit auch für den Preis der Leipziger Buchmesse in der Kategorie Belletristik nominiert werden. Das Buch heißt "Winterbergs letzte Reise".

Mit dem Zug von Berlin nach Böhmen

"Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz", sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. Leseprobe

So lautet der erste Satz aus "Winterbergs letzte Reise". Er setzt die Lesenden gleich auf die passende Schiene - mittenhinein in den Rudiš'schen Erzählkontinent: nach Böhmen, in die Mitte Europas, in die gesamteuropäische Geschichte, in den ratternden Zug von Berlin über Prag und Wien und Budapest nach Sarajewo, mit Zwischenstationen in Reichenberg, Brünn, Austerlitz und immer wieder Königgrätz.

"Die Schlacht bei Königgrätz ist der Anfang von allen meinen Katastrophen, der Anfang von allen unseren Katastrophen, wenn man im Zeichen der Schlacht bei Königgrätz geboren wurde, ist man für immer verloren. So bin ich verloren, so ist dieses Land verloren und so sind Sie, lieber Herr Kraus, verloren, ob Sie wollen oder nicht, ja, ja, es gibt kein Entkommen, das kann man nicht so einfach überschienen wie die Alpen." Leseprobe

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Von Berlin nach Sarajevo über Reichenberg, Prag, Wien und Budapest führt Jaroslav Rudiš Roman "Winterbergs letzte Reise" seine Protagonisten Kraus und Winterberg. mehr

Wenzel Winterberg, der so spricht, ist 99 Jahre alt. So alt wie die Tschechoslowakei, das Land in dem er geboren wurde und das es längst nicht mehr gibt. Winterberg bezeichnet sich immer wieder als der letzte Straßenbahnfahrer West-Berlins. Er kennt sich aus mit Schienen, hat keinen Sinn für Schienenersatzverkehr. Sein Lieblingsbücher sind "Die Überschienung der Alpen" und der Baedeker-Reiseführer aus dem Jahr 1913. Daraus liest er seinem unfreiwilligen Wegbegleiter Jan Kraus unentwegt vor.

Kraus ist der andere Protagonist in dieser Geschichte. Er ist als Altenpfleger zu Winterberg gekommen. Aber statt zu sterben erwacht Winterberg zu neuer Lebenskraft. Auf einer letzten Reise will er die Rätsel um den Tod seiner großen Jugendliebe Lenka Morgenstern lösen. Jan Kraus hat schon viele Menschen beim Sterben begleitet. Aber diesmal begegnet er sich selbst und steigt tiefer und tiefer in seine eigene Lebensgeschichte.

Es war der 21. August. An diesem Tag wurde bei uns zu Hause in Vimperk immer gefeiert, obwohl es nichts zu feiern gab. Mein Vater kam aus der Kaserne, ging in die Garage, machte sich eine Flasche Wodka auf, obwohl er sonst nie Wodka trank, ließ die Musik im Radio laut spielen und fing an, über die Sowjets zu schimpfen, die am 21. August 1968 unser Land überfallen hatten. Er trank den russischen Wodka gegen die Sowjets, als könnte er die Rote Armee mit dem Wodkatrinken aus dem Land zurückjagen, als könnte er mit dem Wodkatrinken meine kleine Schwester aus dem Grab zu uns holen. Er trank nicht auf die Sowjets, er trank gegen die Sowjets. Doch vor allem trank er wohl auf das Wohl und die Gesundheit meiner kleinen Schwester, die von den Sowjets an einem Sommerabend überfahren wurde. Das war sein Widerstand. Das war sein Krieg. Leseprobe

Kriege bestimmen die europäische Geschichte

"Winterbergs letzte Reise" ist ein großer europäischer Roman. Wie ein Pilzgeflecht wuchert die jahrhundertealte, von Kriegen bestimmte Geschichte im Boden dieses Kontinents. Die Besessenheit, mit der Winterberg bei seinen "historischen Anfällen" den Wegbegleiter Kraus drangsaliert, das offenkundige Desinteresse an der Reaktion des Anderen und der unerschöpfliche Hang zu Wiederholungen erinnert an die beste Prosa Thomas Bernhards - und auch der dadurch entstehende Humor.

Aber Rudiš bleibt der böhmische Reisende seiner früheren Romane und findet dabei wieder einen sehr eigenen Ton. Es geht auch ums Biertrinken, um die Liebe, um Melancholie, um Musik und um Trottel, deren Leben allemal einen literarischen Blick verdienen. Was für ein Lesevergnügen!

Winterbergs letzte Reise

von
Seitenzahl:
544 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87595-8
Preis:
24,00 €

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