Stand: 15.09.2020 18:28 Uhr

Roman über einen zufälligen Neuanfang

von Juliane Bergmann

Der Traum vom Neuanfang, alles hinter sich lassen - das ist für manche ein verlockender Gedanke. Die in Wien lebende Autorin Jana Volkmann spielt ihn in ihrem neuen Roman "Auwald" durch.

Jana Volkmann: "Auwald" © Verbrecher Verlag
Durch eine Reihe unglücklicher Ereignisse bietet sich der Romanheldin die Möglichkeit eines Neubeginns.

Dank einer Verkettung von Zufällen endet eine Reise für ihre Protagonistin in der einsamen Wildnis.

Sie strich über den Tisch, fuhr mit den Fingerspitzen die Maserung entlang bis zu ihrem Ende, eine lange gerade Straße Richtung Rand der Welt. Leseprobe

Mit Holz kann Judith etwas anfangen, Menschen aber sind ihr suspekt. Die junge Tischlerin verbringt so viel Zeit an der Werkbank, dass eines Tages sogar der Chef die Nerven verliert.

Er fragte Judith geradeheraus, ob sie denn außer Arbeit keine Freude im Leben hätte, das sei ja gar nicht mehr mitanzusehen, er werde schon depressiv, wenn er sie nur von Weitem beobachte. Leseprobe

Zwangsurlaub per Schiff

Auf Befehl des Chefs macht Judith Urlaub. Sie verlässt Wien und nimmt ein Schiff nach Bratislava. Dort klaut ihr eine Taschendiebin das Portemonnaie - inklusive Rückfahrtticket. Das Schiff zurück legt ohne Judith ab und verschwindet dann auf unerklärliche Weise.

Judith wollte hoffen, dass alles nur ein Missverständnis war, ein unglückliches Zusammentreffen von Funklöchern und toten Winkeln, eine winzige Laufmasche im Weltzusammenhang mit seinen quantenphysikalischen Theorien und seinen Theoremen. Leseprobe

Jana Volkmanns Sprache scheint etwas aus der Zeit gefallen. Das passt wiederum aber ganz gut zum Charakter ihrer Protagonistin: die ist verkopft, nostalgisch, steif. So richtig Nähe zur Figur will zunächst nicht entstehen.

Nach und nach lernt der Leser die Protagonistin besser kennen

In klugen Zeitsprüngen fächert die Autorin jedoch auf, warum Judith so menschenscheu geworden ist. Wir lernen sie kennen und verstehen. Weder im Partygetümmel noch in der Tischlerei oder zu Hause am Frühstückstisch interessiert sich jemand ernsthaft für sie. Weil das verschollene Schiff nicht mehr auftaucht, verbreitet sich eine diffuse Endzeitstimmung.

Ich glaube, es ist was passiert. Alle glauben, es ist was passiert. Aber keiner weiß was. Leseprobe

Hier wird das Buch dann stark. Geschickt spielt Jana Volkmann mit Mitteln des unzuverlässigen Erzählens: Sie deutet an, lässt ihre Geschichte verrätselt, trennt nicht klar zwischen Traum und Realität. Mit dem Verschwinden des Schiffs gilt nun auch Judith fälschlicherweise als verschollen. In ihren Augen ist das ein Geschenk.

Also schlägt sie sich allein durch, robbt durch den Matsch im titelgebenden Auwald, findet Unterschlupf in Höhlen und Jägerhochsitzen. Sinnlich beschreibt die Autorin zum Beispiel den Geruch der modrigen Erde, das Gefühl einer kalten Nässe, die in den Körper kriecht, und die wunderbar bizarren Gedanken von Judith.

Ich habe meinen Namen in eine feuchte Ritze geschoben, im Vorübergehen, und dort bleibt er nun. Leseprobe

Wechselnde Perspektiven und rätselhafte Andeutungen

Die Perspektive wechselt von der Sie- zur Ich-Erzählerin, denn in diesem Wirrwarr der verlorenen gegangenen Dinge und Menschen findet die Hauptfigur zumindest eines - sich selbst. In ihr kehrt Ruhe ein, um sie herum tobt Panik vor einem nahenden Untergang, vielleicht verursacht durch eine Naturkatastrophe, vielleicht menschengemacht, vielleicht beides.

Dieses Ausbrechen, von dem jeder mal träumt - Jana Volkmann dekliniert durch, was das eigentlich bedeuten würde, ohne zu romantisieren. Ihre ziemlich klägliche Abenteurerin macht in der Wildnis keine gute Figur, ist am Ende aber doch eine Heldin. Weil sie erkennt, was sie braucht: "Ich will gar nicht heilen."

Es dauert ein bisschen, bis die Geschichte in Fahrt kommt, dann trifft sie einen aber mit Wucht. "Auwald" ist eine Allegorie aufs Suchen und Finden, ein Märchen - düster und verträumt.

Auwald

von Jana Volkmann
Seitenzahl:
184 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Verbrecher
Bestellnummer:
978-3-7371-0073-1
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 17.09.2020 | 12:40 Uhr

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