Stand: 07.02.2020 13:30 Uhr

Ein cleverer Blick aufs Single-Leben in New York

von Martina Kothe

Mit ihrem Roman "Die Middlesteins" gelang der US-amerikanischen Autorin Jami Attenberg 2012 in den USA der Durchbruch. Auf den "New York Times"-Bestseller folgte das Buch "Saint Maizie" und jetzt ist gerade der Roman "All Grown Up" unter dem deutschen Titel "Nicht mein Ding" erschienen.

Jami Attenberg, Nicht mein Ding © Schöffling Verlag
Die Autorin, Jahrgang 1971, beschreibt in ihrem neuen Roman die Lebens- und Liebeswelt einer Singlefrau in New York.

Woher weiß man, was man vom, was man im Leben will? Wirklich will? Diese Frage treibt Andrea um. Als kinderloser Single in New York, mit einem einigermaßen guten Job, einem zwar recht verkorksten, aber zumindest zeitweise vorhandenen Liebesleben, einer gestörten Mutterbeziehung, einer Therapeutin und einem bezahlbaren Apartment kann sie, was den äußeren Rahmen ihres Lebens angeht, eigentlich nicht klagen.

Die tröstliche Routine wird gestört

Jeden Tag zeichnet die abgebrochene Kunststudentin den Blick aus ihrem Fenster auf das weit entfernte Empire State Building.

Nach wie vor zeichnest Du. Das ist das Beste an deinem Tag. Das ist dein wahrhaftigster Moment. Leseprobe

Der Moment ist nicht von Dauer. Ein noch höheres Haus in der Nachbarschaft wird den Blick aufs Empire State Building für immer verschwinden lassen. "Und jetzt?", fragt sich Andrea. Wo will sie mit ihrem Leben hin? Wo kommt sie her? Was sind die Erkenntnisse aus der eigenen Vergangenheit?

Eins weiß ich, jetzt, als Erwachsene: Niemand ist cooler als ein Teenager. Noch in schlimmster Verfassung sind unsere Augen ganz klar und unser Wissen reicht gerade eben aus, um der Welt mit einer gewissen Gewandtheit zu begegnen. Wer sagt, er sei erst auf dem College oder über zwanzig oder wann auch immer cool geworden, hat unrecht. Nach unseren Teenagerjahren ist Schluss mit lustig und wir halten alle einfach nur durch bis zum Tod. Leseprobe

Kein Interesse an eigenen oder fremden Kindern

Nie zuvor hatten Frauen so viele Möglichkeiten zur beruflichen und privaten Entfaltung wie heute. Dennoch sind die eigenen Überzeugungen nicht immer leicht gegen gesellschaftliche Normen und Erwartungen zu verteidigen. "Nicht mein Ding", sagt Andrea, wenn es um eigene Kinder geht. Den Antrittsbesuch bei einer gerade Mutter gewordenen Freundin zögert sie lange heraus:

Ich habe diesem Kind nichts Originelles zu bieten. Und doch bin ich verpflichtet, eine Opfergabe zu bringen, eine Jungfrau den Göttern, ein Stofftier einem neuen Baby. Wenn ich dieses Geschenk auf den Altar lege, versprichst du mir dann, dass ich niemals schwanger werde? Leseprobe

Andreas Nichte, die Tochter ihres Bruders, wird geboren. Das Kind kommt mit einem Herzfehler zur Welt. Die Ärzte geben ihm nicht mehr als drei Jahre. Bruder und Schwägerin Greta ziehen aufs Land, die Mutter folgt. Andreas Welt wird überschaubarer. Sie wird älter, feiert ihren 40.Geburtstag.

Sehnsucht nach der Familie

Keine Greta mehr, denke ich. Keine kranken Babys mehr, keine traurigen Brüder, keine verlorenen Mütter mehr. Sie sind dort und ich bin hier. Ich bin frei. Und dann kaufe ich für Thanksgiving ein Zugticket Richtung Norden, weil sie mir alle so gottverdammt fehlen, und wenn ich sie nicht bald wiedersehe, berühre und mit ihnen rede, überstehe ich dieses Leben nie. Leseprobe

"Nicht mein Ding" könnte ein ganz banales Sammelsurium an Geschichten aus der Welt der Enddreißiger sein. Ist es aber nicht. Jami Attenberg gelingt erneut ein ebenso fesselndes wie lustiges und lebenskluges Stück Literatur.

Nicht mein Ding

von Jami Attenberg, aus dem Englischen von Barbara Christ
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Schöffling
Bestellnummer:
978-3-89561-357-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 10.02.2020 | 12:40 Uhr

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