Jakob Nolte: "Kurzes Buch über Tobias" © Suhrkamp

Jakob Noltes surrealer Roman "Kurzes Buch über Tobias"

Stand: 17.02.2021 12:42 Uhr

Wegen seiner surrealen Erzählweise wird Jakob Noltes Werk eine Nähe zu den Filmen von David Lynch nachgesagt. Noltes Roman "Kurzes Buch über Tobias" ist mit Standards der Literaturkritik wie Handlung und Entwicklung kaum zu fassen.

von Lisa Kreißler

Was tut der zeitgenössische Schriftsteller, wenn er das Zirkusprogramm des Literaturbetriebs durchschaut hat und ihn sein Schreiben genauso anödet wie die Realität? Genau, er wird Pfarrer; verwandelt seine Ex-Geliebte in einen Hasen, überlebt einen Flugzeugabsturz und den eigenen Tod, verdient gutes Geld mit einem Livestream über Bibelexegese und steigt schließlich mit Gott in einen Hubschrauber, um nach seinem wahren Selbst Ausschau zu halten.

Actionszenen, Gewalt und bibelnahe Wunder

Man ist auf der falschen Fährte, versucht man Jakob Noltes Roman "Kurzes Buch über Tobias" mit den herkömmlichen Mitteln der Kritik wie etwa Handlung oder Entwicklung beizukommen. Zwar führt eine Figur namens Tobias aus Barsinghausen mit Schreibausbildung an der Uni Hildesheim und Tischtennisverein in Berlin Neukölln den Leser durch Himmel und Hölle ihrer Erkenntnisbiografie, aber Jakob Nolte macht sehr früh klar, worum es sich bei dieser Figur eigentlich handelt:

Als ich zu Alina meinte ich wäre das einfach nicht so viel: eine Person, und ich hätte das einfach nicht so viel: einen Charakter, und ich wäre das einfach mehr als alle anderen: ein Gefäß, und sie mir tatsächlich zustimmte und zwar wie so ja das stimmt da hätte sie schon auch was anderes sagen können. Leseprobe

"Kurzes Buch über Tobias" gleicht einem virtuellen Raum der Literatur. Actionszenen, Gewalt und bibelnahe Wunder, all das ist einsehbar, aber wird es dadurch auch erfahrbar? Wenn Tobias auf dem Easyjet-Flug von Marseille nach Berlin aus einem blutigen Traum erwacht und wenige Seiten später mit gebrochenem Unterschenkel als einziger Überlebender das abgestürzte Wrack in Flammen aufgehen sieht, erbittet diese Szene keine Einfühlung, sondern kokettiert mit der verlorengegangenen Schöpfungskraft von Literatur.

Ein unerklärbarer Flugzeugabsturz

Bei der Analyse des Flugschreibers konnte nicht genau ermittelt werden, was der Grund für die Tragödie war. Wahrscheinlich hatte es etwas mit der Technik zu tun, denn scheinbar ohne Grund funktionierten ab einem gewissen Zeitpunkt die Instrumente nicht mehr. Leseprobe

Als Tobias am Abend im Spital Interlaken zum ersten Mal seit dem Flughafen in Marseille auf sein Handy schaute, stand der Akku auf 20 Prozent. Er hatte einige Telegramm-Nachrichten und eine Neujahrsmail von seiner Agentin bekommen.

Debatte um die Kraft der Fiktion

Ende letzten Jahres veranstaltete das Netzwerk der Literaturhäuser die Veranstaltungsreihe "Vom Unbehagen in der Fiktion". Schriftsteller diskutierten mit Geisteswissenschaftlern den Boom autobiografischer Bücher. Wie ist es um die Kraft der Fiktion bestellt, wenn immer mehr Autoren immer weniger erdichten, sondern stattdessen auf ihre eigenen Erfahrungen zurückgreifen? Jakob Noltes neuer Roman scheint ins Herz dieser Debatte zu zielen. Am Sterbebett der Mutter sagt Tobias:

"Ich wollte an einem Roman arbeiten."
"Aber?"
"Ich glaube, ich will keine Romane mehr schreiben."
"Warum das denn?"
"Ich weiß es nicht. Ich weiß nicht warum. Wenn mir etwas auffällt, weiß ich nicht, was ich dazu sagen soll." Leseprobe

Mit "Kurzes Buch über Tobias" schreibt Jakob Nolte die Literatur auf einen neuen Nullpunkt zu, so sehr treibt er das Spiel zwischen zynischer Distanz und dem Wunsch nach wahrhaftigem Erzählen auf die Spitze.

Am Ende ist nicht klar, ob Tobias ein vom Finanzamt gejagter YouTuber ist oder Gott selbst. Auf jeden Fall aber besteigt er einen Hubschrauber - und von dort oben lässt sich sicherlich gut darüber nachdenken, wie es weitergehen soll, mit all den kleinen Dramen und Figuren dort unten.

Kurzes Buch über Tobias

von Jakob Nolte
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
ISBN 978-3-518-42979-2
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

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