Stand: 20.09.2019 11:00 Uhr

Wie wir werden, was wir sind

Brüder
von Jackie Thomae
Vorgestellt von Tino Dallmann
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Jackie Thomae erzählt, wie unterschiedlich sich Geschwister entwickeln können.

"Momente der Klarheit" - so hieß der Debütroman der Berliner Autorin Jackie Thomae und erzählte von der Liebe und jenen Momenten, in denen sie endet. Schwierige Beziehungen prägen nun auch Thomaes zweiten Roman. "Brüder" handelt von zwei Männern, die denselben Vater haben, aber lange nichts voneinander wissen. Ein Roman über Herkunft und darüber, was unser Leben prägt.

Ginge es nach der Kosmetikindustrie, ließe sich jeder Hautton mit dem dazu passenden Namen versehen: von Mandel bis Kastanie oder von Karamell über Brûlée hin zu dunkler Schokolade. Ginge es nach Gabriel, der um die dreißig ist und in London als Architekt arbeitet, könnte man noch Pappkarton als Hautton hinzufügen.

Die Brüder führen ein sehr unterschiedliches Leben

Er sitzt den größten Teil des Tages im Büro und achtet wenig auf seine Gesundheit. Die eigene Hautfarbe spielt in seinem Alltag keine große Rolle und ist doch ein sichtbarer Verweis auf seine Geschichte. Seine Mutter ist Deutsche, der Vater stammt aus dem Senegal. Ähnlich geht es seinem Halbbruder Mick, der in Berlin lebt und Mitinhaber eines Clubs ist. Auch in seinem von Disko-Nebel und Drogenrausch bestimmten Leben geht es nur selten um die Hautfarbe:

Als Mick Mitte der Neunziger mit zwei Freunden einen kleinen Club eröffnet hatte, mit der er Ende der Neunziger bereits in die vierte Location gegangen war, was immer wieder Anlässe für legendäre Schließungs- und Eröffnungspartys lieferte, war er der Meinung gewesen, dass keine Branche seiner Persönlichkeit so gut entsprach wie die Gastronomie. Du denkst dir etwas aus, sagte er unzählige Male, betrunken wie nüchtern, und die Leute geben dir noch am selben Abend ein Feedback, ob dein Konzept ankommt oder nicht. Eins zu eins. Leseprobe

Was sein eigenes Leben angeht, ist Mick dagegen ziemlich konzeptlos. Er und sein ehrgeiziger Halbbruder Gabriel haben im Leben beinahe die gleichen Voraussetzungen und schlagen doch völlig unterschiedliche Lebenswege ein.

Autorin schreibt mit Humor und Feingefühl

In ihrem zweiten Roman fragt Jackie Thomae danach, wie wir zu den Menschen werden, die wir sind. Dieser zugegebenermaßen großen Frage widmet sie sich mit ebenso viel Feingefühl wie Humor. Thomae schreibt glänzende Dialoge und setzt vor Betriebsamkeit sirrende Großbaustellen ebenso wortgewandt in Szene wie den Partytaumel Berlins:

Der immergleiche Film, er spulte ihn wöchentlich ab, als wäre das alles brandneu. Gewummer, Gestampfe, Getränke, Gelaber, Gefühle. Ja, die Jahre flossen ineinander. Das hieß nicht, dass dieses Fließen nicht auch seine Schönheit hatte. Eine irrlichternde, nichtkonservierbare Schönheit der Kategorie: Muss man dabei gewesen sein. Leseprobe

Sowohl Mick als auch Gabriel sind gezwungen, sich im Laufe der Jahre als Persönlichkeiten zu erfinden. Beide wachsen in der DDR auf. Ihren Vater kennen sie lange Zeit nur von Fotos, weil der ihre Mütter bald nach der Geburt verließ. Und beide mussten sich die Lässigkeit im Umgang mit ihrer Hautfarbe erst erarbeiten. Denn weder Mick noch Gabriel wollen sich nur über ihren Hautton definieren lassen. Als eine Freundin von Gabriel beginnt, hinter jedem Alltagserlebnis einen Fall von Diskriminierung zu wittern, platzt ihm schließlich der Kragen.

Roman ist für Deutschen Buchpreis nominiert

Ich war nach London gekommen, um einer von vielen zu werden. Jetzt war ich einer von vielen, wobei die genaue Definition meiner Gruppe meine Freundin vornahm. Ich hatte vorgehabt, mich ausschließlich mit Dingen und Leuten zu befassen, die mich interessierten, und mich in der Stadt, die mich sein ließ, wie ich war, zu Hause zu fühlen. Jetzt war es so, als müsste ich die Sicht auf mein Leben umschreiben, zu meinen Ungunsten: Nein, du bist kein gutangezogener Typ, der sich in guten Restaurants verabredet, du bist ein Gebrandmarkter, und du bewegst dich auf feindlichem Terrain. Sybil stellte London dar, als wäre es Johannisburg vor 1994 oder ein Südstaatennest voller Ku-Klux-Klan-Anhänger. Leseprobe

Jackie Thomae beschreibt die Lebensläufe von Mick und Gabriel ohne eine Spur von Larmoyanz. In ihrem zu Recht für den Deutschen Buchpreis nominierten Roman macht sie auf kluge Weise deutlich, wie schwierig es sein kann, Fremdzuschreibungen zu überwinden - und zum Herr über die eigene Biografie zu werden.

Brüder

von
Seitenzahl:
432 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser Berlin
Bestellnummer:
978-3-446-26415-1
Preis:
23,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 23.09.2019 | 12:40 Uhr

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