Stand: 14.09.2020 10:42 Uhr

Isabella Hammad über den Nahost-Konflikt

von Anna Hartwich

Es ist eins der meistbeachteten literarischen Debüts in diesem Sommer: Der Roman "Der Fremde aus Paris" der 28-jährigen, in London geborenen Autorin Isabella Hammad. Ihre Erzählungen erschienen in literarischen Zeitschriften wie zum Beispiel in "The Paris Review", und 2018 und 2019 erhielt sie schon zwei wichtige Literaturpreise. Der Roman "Der Fremde aus Paris" ist weltweit in 16 Ländern erschienen und wird von der "New York Times" für einen der wichtigsten Romane des Jahres 2019 gehalten.

Isabella Hammad: "Der Fremde aus Paris" (Cover) © Luchterhand
Isabella Hammad erzählt mit diesem Roman die Geschichte ihres Urgroßvaters.

Es ist die Geschichte von Isabella Hammads Urgroßvater. Midhat Kamal ist der Sohn eines wohlhabenden palästinensischen Tuchhändlers aus Nablus, einer der ältesten Städte der Welt. Um ihn vor dem Dienst in der osmanischen Armee zu bewahren, schickt ihn sein Vater vor der Mobilmachung 1914 nach Frankreich. Auf dem Dampfer, beim ungewohnten Whiskey, erhält Midhat einen Rat:

Machen Sie sich darauf gefasst, dass Ihnen manches Unbehagen bereiten wird. Versuchen Sie, offen zu sein. Bleiben Sie ihren Wurzeln treu. Leseprobe

Zum Studium nach Montpellier und später nach Paris

Der träumerische Junge studiert in Montpellier Medizin. Er verliebt sich in Jeannette, die kesse Tochter von Professor Molineu, einem Anthropologen, der ihn als Gast beherbergt. Doch dann entdeckt Midhat, dass Molineu ihn für seine akademischen Studien missbraucht. Er flieht, gedemütigt, Hals über Kopf nach Paris. Stets erlesen gekleidet, wird er dort…

…der Inbegriff des Pariser Orientalen, dem Bild entsprechend, das in Eckläden erhältliche Zigarettenschachteln schmückte. Leseprobe

In Paris studiert Midhat Geschichte (was seine Familie nie erfährt), und er kommt in Kontakt mit jungen arabischen Nationalisten, die dort 1913 die Al-Fatah gegründet haben.

Unterhaltsame und spannende Geschichtslektion

War der Roman bis dahin eine zwar unterhaltsame, aber nicht allzu dringliche Geschichte, so nimmt er mit Midhats Heimkehr nach Nablus Fahrt auf und entwickelt sich zu einer spannenden Geschichtslektion. Am Schicksal ihres Urgroßvaters von 1914 bis 1936 zieht Isabella Hammad die Leser mitten hinein in die Konflikte des Nahen Ostens, die bis heute brennen.

Man konnte nicht neutral bleiben. Und selbst im Falle von Leuten, die ausschließlich von ihrem Glauben angetrieben zu werden schienen, war es schwierig, den mystischen Impuls vom nationalen Impuls zu trennen, der nun jeden im Griff zu haben schien. Leseprobe

Midhat, mit seiner Affinität zu Frankreich, muss in Nablus einen Weg finden, mit den Erwartungen umzugehen, die seine Familie an ihn stellt; politische Loyalitäten sind auszuloten, die Liebe zu Jeannette ist ein schwächer werdendes Irrlicht. Als er schließlich Fatima heiratet, scheint das Problem der Wurzellosigkeit gelöst:

Ab jetzt würde er dazugehören. Während der Jahre in Frankreich hatte er sich oft nach dem Gefühl der Zugehörigkeit gesehnt. Er hatte das für Nostalgie gehalten, ein Irrtum, denn das Gefühl gehörte keineswegs der Vergangenheit an. Nein, nein, nein, es war ein Teil der Zukunft! Leseprobe

Ein Volk zwischen Nationalbewusstsein und Radikalisierung

Doch so einfach ist es nicht. Immer öfter stellt sich die Frage: Auf welcher Seite stehst du? Midhats Leben und das seiner Familie entwickelt sich parallel zum Nationalbewusstsein seines Volkes, das sich immer weiter radikalisiert. Sein alter Freund Hani, der schon seit Pariser Zeiten entschieden für die Unabhängigkeit Palästinas eintritt, erteilt ihm eine Lektion: 

Stell dir mal vor, du wärst ein armer muslimischer Bauer. Was würde dir der Begriff "Nation" dann bedeuten? Du hattest ja nie eine. Du bist nie gereist, du liest nicht, warum solltest du dir auf einmal eine Nation wünschen? Die ist für dich vollkommen abstrakt - du hast dein Ackerland, du hast dein karges Auskommen, du hast deine Religion. Um diese Leute für uns zu gewinnen, haben wir ihnen vor Augen geführt, dass unser Land einer Bedrohung ausgesetzt ist und dass sie es wert sind, vollwertige Bürger mit allen Rechten zu sein. Leseprobe

Isabella Hammad hat eine packende Familiensaga geschrieben. Das Buch ist nicht nur mit einem Personenregister ausgestattet, sondern auch mit einer Chronologie der Schlüsselereignisse bei der Entstehung der palästinensischen und syrischen Nationalbewegungen und einer Karte von Palästina unter britischem Mandat 1923. Es ist das Tableau der Epoche, in der der Nahe Osten zu dem wurde, was er heute ist: ein unlösbarer Konflikt von globaler Dimension. Unbedingt lesenswert.

Der Fremde aus Paris

von
Seitenzahl:
736 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Luchterhand
Bestellnummer:
978-3-630-87617-7
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

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