Isabel Allende: "Was wir Frauen wollen" © Suhrkamp

Isabel Allende: "Was wir Frauen wollen"

Stand: 24.02.2021 10:30 Uhr

Isabel Allende ist ein Phänomen. Gleich mit ihrem Debütroman "Das Geisterhaus" schaffte die in Chile aufgewachsene und heute in Kalifornien lebende Autorin den internationalen Durchbruch.

von Tobias Wenzel

Ihre Bücher wurden in mehr als 40 Sprachen übersetzt und millionenfach gelesen. Vor allem von Frauen. "Was wir Frauen wollen" heißt ihr neues Werk, ein zugleich persönliches und feministisches Sachbuch.

 "Wenn ich sage, dass ich schon im Kindergarten Feministin war, ehe man in meiner Familie den Begriff überhaupt kannte, dann ist das nicht übertrieben", behauptet Isabel Allende gleich zu Beginn ihres neuen Buchs. Als Leser fragt man sich, ob sie da nicht ihre Kindheit etwas idealisiert, bis sie es erläutert:

Ich war damals schon frustriert und wütend, weil ich Ungerechtigkeit an mir und meiner Mutter beobachtet hatte. Meine Mutter hatte jung geheiratet und drei Kinder in vier Jahren bekommen. Als das letzte Kind noch nicht einmal geboren war, wurde sie von ihrem Ehemann verlassen. Da musste sie mit drei Kindern in ihr Elternhaus zurückkehren. Ich bin mit dem Gedanken aufgewachsen, dass meine Mutter ein Opfer war. Leseprobe

Feministisches Buch über die Abhängigkeit von Frauen

Berührend beschreibt Allende im Buch, wie ihre Mutter, die keine Berufsausbildung hatte, finanziell abhängig von Macho-Männern war. Die erzkonservative chilenische Gesellschaft erlaubte es der Mutter nicht, ihr großes Talent für die Malerei auszuleben. Sie kopierte nur die Bilder anderer Maler, aus Angst, sich als Frau mit künstlerischem Anspruch lächerlich zu machen.

Die Tochter, Isabel Allende, rebellierte gegen diese Verhältnisse und gründete mit anderen Frauen in den 1960er-Jahren die feministische Zeitschrift "Paula". Sie schrieben über Tabuthemen im damaligen Chile, wie Gewalt gegen Frauen und Abtreibung. Für Allende bedeutete die Zeitschrift das Tor zur Welt.

Allende prangert Ungerechtigkeiten gegenüber Frauen an

"Was wir Frauen wollen" ist ein feministisches Plädoyer, das die Autorin in kurze anekdotische Kapitel über ihr Leben als Frau eingebettet hat. Der Feminismus habe schon viel erreicht, schreibt Allende, allerdings vor allem in der westlichen Welt:

Im Rest der Welt werden aber noch immer Frauen verkauft und ausgebeutet, etwa durch Zwangsarbeit, sie sind Opfer von Zwangsehen und Gewalt in der Familie. In Kriegen und Krisen sind Frauen die ersten Opfer. So wie jetzt in der Pandemie: Die ersten, die ihre Arbeit verlieren, und die letzten, die wieder auf die Beine kommen, sind Frauen. In der Pandemie werden Frauen auf noch verborgenere Weise als vorher Opfer häuslicher Gewalt. Leseprobe

Manchmal verfällt Allende aber leider in Schwarz-Weiß-Malerei und auch in Kitsch: Das Patriarchat sei aus Stein, schreibt sie, der Feminismus dagegen "ein bewegter Ozean, mächtig, tief und so unendlich vielschichtig wie das Leben selbst". 

Trotz einiger kitschiger Passagen ein lesenswertes Buch

Abgesehen davon ist "Was wir Frauen wollen" ein äußerst lesenswertes Buch. Etwa, wenn Allende schockierende Fakten nennt wie, dass in den USA alle sechs Minuten eine Frau vergewaltigt wird. Auch, wenn sie humorvoll und ernst zugleich über sich als Frau schreibt, über das Hadern mit dem Älterwerden und eine späte Liebe, und ihren Weg als Feministin nachzeichnet. Vor Jahren, nachdem Allendes Tochter Paula gestorben war, überreichte ihr eine Frau in Indien ihr Neugeborenes:

Ich habe das Kind geküsst und wollte es der Frau zurückgeben. Aber sie wollte es nicht zurückhaben. Ich war wie paralysiert. Da rannte unser Fahrer zu mir, nahm mir das Kind aus dem Arm, übergab es der Frau und drängte mich zum Auto. "Warum wollte mir diese Frau ihr Kind geben?", habe ich gefragt. Da hat der Fahrer geantwortet: "Das war ein Mädchen. Wer will schon ein Mädchen haben?!" Leseprobe

Dieses Schlüsselerlebnis ließ Isabel Allende eine feministische Stiftung gründen und letztlich auch dieses neue Buch schreiben. Über die Frage, was sie und andere Frauen wollen, muss sie nicht lange nachdenken: "Ich will das Patriarchat stürzen. Ich weiß: ein ehrgeiziges Ziel. Frauen wollen, glaube ich, ein sicheres, angstfreies Leben führen, Kontrolle über ihren Körper haben, nicht dazu gezwungen werden, Kinder zu bekommen. Frauen wollen auf die Straße gehen, ohne sich bedroht zu fühlen. Sie wollen keine Opfer sein. Sie wollen dieselben Chancen haben wie Männer und denselben Respekt erfahren."

Was wir Frauen wollen

von Isabel Allende, aus dem Spanischen von Svenja Becker
Seitenzahl:
184 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
ISBN 978-3-518-52980-8
Preis:
18,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 25.02.2021 | 12:40 Uhr

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