Stand: 12.12.2017 12:40 Uhr

Spannende Geschichten aus der Psychoanalyse

Wie man wird, was man ist
von Irvin D. Yalom, aus dem Englischen von Barbara von Bechtolsheim
Vorgestellt von Katja Lückert
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Yalom wurde 1931 als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Washington D.C. geboren.

In Amerika ist Irvin D. Yalom ein Star. Tausende besuchen seine Vorträge oder nehmen an seinen Videokonferenzen teil, denn im Alter von 86 Jahren reist der Schriftsteller und Psychoanalytiker heute etwas weniger durch die Welt. Seine Fachbücher gelten als Klassiker. Seine Romane wurden international zu Bestsellern und zeigen, dass die Psychoanalyse Stoff für die aufregendsten Geschichten bietet.

Immer wieder hat sich Irvin Yalom mit der Lebensgeschichte von Friedrich Nietzsche beschäftigt. Nicht zuletzt in seinem Roman: "Und Nietzsche weinte". Ein geschickter Schachzug des Verlags btb, seinen Memoiren in der deutschen Übersetzung den Titel von Nietzsches 'Ecce homo', "Wie man wird, was man ist" zu geben.

Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen

Es ist dieses scharfgeschnittene Gesicht mit dem warmherzigen, klugen Ausdruck auf dem Buchcover, das einem beim Lesen nicht aus dem Kopf gehen will. Irvin Yalom hat in seinen Romanen häufig zeitgeschichtliche mit psychologischen Themen gepaart. Kaum erstaunlich, dass auch seine Memoiren womöglich nicht ganz ohne therapeutische Wirkung auskommen.

Yalom erzählt von den Defiziten seiner Kindheit in einfachen sozialen Verhältnissen. Sein Vater betrieb einen kleinen Lebensmittelladen in Washington. Dabei ist das Buch an manchen Stellen ein munteres Sammelsurium von Fotos aus dem Familienalbum und Selbstgesprächen. Zuweilen schlüpft Yalom sogar in die Rolle seines eigenen Therapeuten.

Eigene Fehler spart Yalom nicht aus

Dennoch sind es zugleich faszinierende Lebensgeschichten, weil Yalom, der sein Leben dem Leid anderer gewidmet hat, nun offenherzig eigene Fehler bekennt und von seinen Lernprozessen erzählt. Vielleicht hat ihm eine seiner Patientinnen, die ihm eines Tages sein saturiertes Leben unter der kalifornischen Sonne vorwarf, eine der wichtigsten Lektionen erteilt: Für Künstler und letztlich auch für Psychiater ist ein allzu sorgenfreies Leben eine Bürde.

"Je genauer wir uns selbst verstehen, umso besser ist das Leben, das wir führen. Wenn wir plötzlich in psychische Schwierigkeiten geraten, hat das meist damit zu tun, dass wir Teile unserer Persönlichkeit nicht sehr gut kennen. Ich arbeite nun seit über fünfzig Jahren als Psychotherapeut und ich empfinde mich selbst als eine Art Führer im Bereich der Selbsterkenntnis, denn ich leite Menschen in einem Gebiet, wo ich selbst schon war." Leseprobe

Lebensgeschichte in chronologischer Reihenfolge

Die Schweizer Filmemacherin Sabine Gisiger hat vor drei Jahren einen Film über den Schriftsteller und Therapeuten gedreht. Zwei Jahre lang begleitete sie Irvin Yalom, bei der Arbeit in seinem Haus, beim Radfahren, im Urlaub in Frankreich und im Whirlpool mit seiner Frau Marylin, die übrigens ebenfalls eine renommierte Wissenschaftlerin und Autorin ist.  

Yalom hat die vierzig Kapitel seiner Lebenserinnerungen mehr oder weniger in biografischer Reihenfolge gehalten. Er berichtet von einem Lehraufenthalt in Wien in den 70er-Jahren, wo er sich einerseits auf Freuds Spuren begab und andererseits von hypochondrischen Ängsten gequält, den Psychiater Victor Frankl aufsuchte. Amüsant die Geschichte, wie er erst Jahre später herausfindet, dass der Holocaust-Überlebende und Gründer der Logotherapie Frankl eigentlich selbst Hilfe und Beratung gebraucht hätte.

Victor Frankl, Bruno Bettelheim, Rollo May - Irvin Yalom kannte die Größen der modernen Psychotherapie oder war sogar mit ihnen befreundet, sodass seine Memoiren auch ein zeitgeschichtliches Dokument darstellen, das alle möglichen psychotherapeutischen Schulen bis zur heutigen Therapie per SMS abbildet.

Das Verhältnis zwischen Arzt und Patient ist bedeutsam

Dabei ist die Gruppe für Irvin Yalom die heilsamste Einheit, weil sie den Menschen zumindest vorübergehend vor der existentiellen Angst vor dem Tod schützt. In der Gruppe kann der Patient über alles sprechen und feststellen, dass sein Problem längst kein Einzelfall ist.

"Es gibt viele verschiedene Gründe, warum Menschen sich mit dem, was in ihnen ist, nicht beschäftigen können. Manche schämen sich oder stellen sich vor, was andere über sie denken, wenn sie sich öffnen. Etwa, dass sie zurückgewiesen oder verletzt werden. Aber in der Therapie lernen sie, dass die Dinge, über die sie sich Sorgen machen auch andere Menschen bewegen, sie sind nicht so anders, sie sind nicht allein, es ist ein bisschen so wie: Willkommen bei der Menschheit!" Leseprobe

Irvin Yalom geht es immer um die Beziehung. Er geht davon aus, dass die Schwierigkeiten, die der Patient im Verhältnis zu seinem Therapeuten hat, auch in seinem übrigen Leben auftreten, weshalb es heilsam sein kann, gerade diese Beziehung zu thematisieren. Wer sich nach der Lektüre des Buchs selbst fragt, wie man wird, was man ist, erlebt vermutlich einen klassischen Fall von Übertragung.

Wie man wird, was man ist

von
Seitenzahl:
448 Seiten
Genre:
Sachbuch
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-442-75662-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 13.12.2017 | 12:40 Uhr

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