Stand: 25.07.2017 13:02 Uhr

Spion auf Toast Hawaii

Halali
von Ingrid  Noll
Vorgestellt von Christel Freitag
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Bestsellerautorin Ingrid Noll, Jahrgang 1935, studierte Germanistik und Kunstgeschichte in Bonn. "Halali" ist ihr neuestes Werk.

Ingrid Noll, immer noch die originellste Krimiautorin deutscher Sprache, wurde als Tochter deutscher Exilanten in Shanghai geboren. 1949 musste ihre Familie wiederum China verlassen und landete in Bad Godesberg. Ingrid Noll studierte in den 50er-Jahren in Bonn und arbeitete während der Semesterferien im Innenministerium. Nun erscheint ihr neuester Roman "Halali", in dem sie eigene Erinnerungen aus dieser Zeit zu einer spannenden Handlung verwebt.

In Ingrid Nolls Roman "Halali" erzählt die 82-jährige Witwe Holda ihrer Enkelin Laura aus den 50er-Jahren.

Zum Diktat im Petticoat

Damals arbeiten Karin und Holda gemeinsam im Büro. Auch in ihrer Freizeit treten sie meist im Doppelpack auf. Zwei flotte Käfer in schwingenden Röcken, an den Beinen Perlonstrümpfe mit Strapsen. Hosen tragen die beiden nur an kalten Wintertagen. Ein halbes Jahrhundert später hat sich das Outfit in den Büros komplett gewandelt.

"Laura erzählt mir vom 'Casual Friday' im Büro, an dem die meisten Angestellten in Jeans erscheinen, Männer den Sakko durch einen Pullover, Frauen die High Heels durch Sneaker ersetzen und alle auf ihr übliches Business-Outfit verzichten. Zu meiner Zeit konnte von einer Lockerung am Freitag nicht die Rede sein, weil wir dreimal im Monat bis Samstagmittag arbeiten mussten. Wörter wie 'Chillen' und 'Abhängen' waren unbekannt. Um die Bürokleidung zu schonen, zog man sie zu Hause zwar aus, aber keine Jogginghosen an." Leseprobe

In Holdas Elternhaus spricht man noch von Trainingshosen. Mit 20 endlich kann die Tochter ihr Eifelkaff verlassen, um allein in die große weite Welt zu ziehen. Sie mietet ein spärlich möbliertes Zimmer in Bad Godesberg. Warmes Wasser gibt es nur am Sonnabend, geduscht wird im Innenministerium.

Dusch-"An"gelegenheiten im Büro

Ingrid Noll erinnert sich noch genau an diese ehemalige Kaserne: "Es gab einen Duschraum für die Soldaten früher, und zwar nicht einzelne Kabinen, Dusche an Dusche, und die Belegschaft hatte die Möglichkeit, einmal in der Woche zu duschen, und zwar Männer und Frauen getrennt an verschiedenen Wochentagen, und dann sah man, wie sie mit Handtüchern und Föhnen und Seife und frischer Unterwäsche in den Keller eilten. Die älteren Frauen mochten es nicht so. Man war ja sehr genierlich in dieser Zeit. Die zogen sich ungern aus vor den anderen, aber die andere Studentin und ich, wir fanden das klasse und haben uns da dann immer sehr lange aufgehalten, um uns von der Arbeit noch ein bisschen zu drücken, und hatten da sehr viel Spaß."

Auch die Mädchen im Roman genießen die übermütige Massenreinigung - allerdings nur für eine gewisse Zeit. "Ich hab noch was dazu erfunden, was tatsächlich nicht geschehen ist. Dass es ein Guckloch gab, wo ein Spanner die nackten Frauen beobachten konnte", erklärt die Autorin.

Zimmer an "möblierten Herren"

Noch spannender wird es in der Villa der Godesberger Gräfin. Karins adlige Tante vermietet nur an alleinstehende Herren. "Man sprach damals von möblierten Herren", so Noll. Vier dieser Herren wohnen bei Karins Tante in der Rheinallee. Karin wohnt mietfrei in einer Mansarde unterm Dach. An ihrem 22. Geburtstag erhält sie die Erlaubnis, einige Freunde in die gutbürgerliche Küche zu bitten. Karin träumt von Toast Hawaii und überlegt mit Holda, wen sie zur Party einladen soll. Schließlich ist es die Gelegenheit, einem Mann den Kopf zu verdrehen.

Doch Vorsicht vor den Romeos der Bonner Nachkriegszeit! "Erst später hat man entdeckt, dass Männer im Osten ausgebildet wurden, dass sie sich an alleinstehende, einsame Frauen in Bundesbehörden herangemacht haben. Jedenfalls haben sie die Mädchen oder jungen Frauen so weichgekocht, bis die ihnen brisantes Material geliefert haben aus dem Ministerium", berichtet Ingrid Noll. Auch für Holda und Karin ist die ministeriale Bürolangeweile nach der Party endgültig passé. "Halali" von Ingrid Noll ist eine amüsante Zeitreise in die 50er - mit mörderischen Zwischenfällen.

Halali

von
Seitenzahl:
320 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-06996-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 26.07.2017 | 12:40 Uhr

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