Ilja Leonhard Pfeijffer: "Grand Hotel Europa" © Piper

Ilja Leonhard Pfeijffers Roman über das "Grand Hotel Europa"

Stand: 07.10.2020 16:31 Uhr

In den Niederlanden zählt Ilja Leonard Pfeijffer zu den bekanntesten, vielfach ausgezeichneten Autoren. Sein letzter Roman war dort 2019 das meistverkaufte Buch des Jahres.

von Katja Weise

Jetzt ist "Grand Hotel Europa" auch auf Deutsch erschienen, ein opulentes Werk über Europa, seine Vergangenheit, seine Zukunft und den Massentourismus.

"Der Roman ist geboren aus einer persönlichen Frage, die sich aus der Tatsache ergibt, dass ich vor zwölf Jahren umgezogen bin - von Holland nach Italien." Danach, sagt Pfeijffer weiter, habe er sich immer weniger als Holländer, zunehmend als Italiener und mehr noch als Europäer gefühlt und sich viele Gedanken darüber gemacht, was es eigentlich bedeute, ein Europäer zu sein.

Nachdenken über das alte Europa

Pfeijffer meint: "Wenn man anfängt, darüber nachzudenken, braucht man nicht lange, um die Schlussfolgerung zu ziehen, dass eines der Kennzeichen des alten Kontinents die Anwesenheit der Vergangenheit ist."

Doch drohe Europa unter der Last dieser Vergangenheit zusammenzubrechen, habe ihr keine Zukunft mehr entgegenzusetzen. Wie ein roter Faden zieht sich dieser Gedanke durch alle Geschichten des Romans - und das sind viele.

Im Hotel arbeitet ein Page aus Afrika

Pfeijffer schickt ein Alter Ego namens Ilja Leonard Pfeijffer los, einen niederländischen, in Italien lebenden Schriftsteller, sie alle zu verbinden. Der zieht nach dem Scheitern seiner großen Liebe zu der kapriziösen, italienischen Kunsthistorikerin ins "Grand Hotel Europa" - ein traditionsreiches, etwas heruntergekommenes Hotel, das gerade von einem chinesischen Investor übernommen worden ist.

Dort will er ein Buch schreiben und sich dabei klar werden, warum die Liebe zu Clio keine Zukunft hat. Schon bei der Ankunft fällt ihm Abdul auf, der Piccolo des Hotels, ein junger, magerer, dunkler Mann, der über das Meer nach Italien geflohen war:

Abdul spricht nicht gern über die Vergangenheit. Er sagt, dass die Vergangenheit ein schlechter Ort sei, den jeder Mensch am besten so schnell wie möglich vergessen solle. Er hält die Zukunft für wichtiger, weil die sich ja erst einstellen müsse und man dadurch an ihr noch etwas ändern könne. Leseprobe

Abdul ist die Gegenfigur zu dem Schriftsteller Pfeijffer, der von sich sagt: "Will ich atmen, denken und schreiben, dann kann ich das nur im Gespräch mit der Tradition. Ohne Europa kann ich nicht leben."

Die Schattenseiten des Tourismus

Dass dieses Europa für viele, nicht nur asiatische Touristen schon lange eine Art Museum ist, das sie gerne und in Massen besichtigen, ist ein anderes zentrales Thema des Romans. Mit Genuss schreibt Pfeijffer über die Auswüchse des Massentourismus, unter anderem in Venedig.

Er schreibt über verschiedene Touristentypen, insbesondere solche Menschen, die auf der Suche nach authentischen Erfahrungen im Zweifelsfall auch vor der Teilnahme an einer öffentlichen Vergewaltigung in Pakistan nicht zurückschrecken.

Dazwischen gibt es lange Passagen, in denen die Hotelgäste über Europa diskutieren. Sie stehen für den alten Kontinent, seinen Charme, seine Vergangenheit:

"Ich will mich selber nicht mit Thomas Mann vergleichen", sagt der Autor, "aber der 'Zauberberg' ist vor ungefähr hundert Jahren erschienen, auch ein Untergangsbuch, könnte man sagen. Wenn es möglich ist, alle hundert Jahre ein neues Buch zu schreiben über den Untergang Europas, ist das vielleicht ein Trost."

Eine Geschichte zwischen Tradition und Hoffnung

Pfeijffer entwickelt bezaubernd schräge Figuren, hat eine große Begabung für die ironische Beschreibung und ist selbst ein so leidenschaftlicher und überzeugter Europäer, ein so in die Kunst und die Geschichte verliebter Autor, dass allein darin schon Hoffnung liegt.

Er macht jedoch keinen Hehl aus seiner Überzeugung, dass Europa sich nach Afrika öffnen sollte, dass eine Chance des alten Kontinents darin liegen könnte, Menschen wie Abdul willkommen zu heißen.

Dennoch sagt er: "Ich fühle mich sehr zu Hause bei der Rolle der Fragenden. Und wenn ein Leser nach meinem Buch vielleicht auch nur fünf Minuten nachdenkt, weil er die Idee hat, dass alles vielleicht viel komplizierter ist als er vorher gedacht hat, bin ich sehr zufrieden."

Grand Hotel Europa

von
Seitenzahl:
560 Seiten
Verlag:
Piper
Bestellnummer:
978-3-492-07011-9
Preis:
25,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 08.10.2020 | 12:40 Uhr

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