Stand: 19.08.2015 17:55 Uhr

Erbitterte Abrechnung auf Bulgarisch

Macht und Widerstand
von Ilija Trojanow
Vorgestellt von Joachim Dicks
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Ilija Trojanow, Jahrgang 1965 schrieb auch den Bestseller "Der Weltensammler", der 2006 erschien.

Ilija Trojanow ist ein Weltensammler. In Sofia geboren, über Jugoslawien und Italien nach Deutschland geflohen, lebte er in Nairobi, München, Mumbai, Kapstadt, um sich nun - vielleicht dauerhaft - in Wien niederzulassen. Sein Roman "Macht und Widerstand" handelt vom Land seiner Herkunft: Bulgarien. Er steht bereits auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis.

Nach 20 Jahren in Haft

Ein Roman wie ein Duell. Auf der einen Seite steht Konstantin. Er wurde als Jugendlicher in den frühen 50er-Jahre als Anarchist und Anti-Kommunist verurteilt und verbrachte mehr als 20 Jahre im Gefängnis. Auf der anderen steht Metodi. Ein Kader-Kommunist der ersten Stunde, dem auch die Wende 1989 nichts anhaben konnte:

"Ging früher einer fremd, galt er als sittlich verkommen. Böser Mann, böser kleiner Mann. War’s einer aus der Partei, so hieß es, er habe einen Fehler gemacht. Unbedacht, kann ja mal passieren. Verführte ein Bonze die Tochter eines Arbeiters, klopften ihm die Genossen auf die Schulter. Du Schlingel du. Und sammelte einer der Oberen Liebschaften wie Orden, wurden seine Verführungskünste bewundert. Das war früher. Heute ist die Moral an den Dollar gekoppelt." Leseprobe

Ilija Trojanow hat viele Zeitzeugen befragt und Originaldokumente der bulgarischen Staatssicherheit durchgesehen. Er zitiert aus diesen Dokumenten, entwirft in Kurzkapiteln Zeitbilder aus den Jahren zwischen 1950 und 2000 und gibt ihnen Überschriften wie "1999 erzählt" oder "1952 erzählt". Die übrigen Kapitel heißen wie ihre Ich-Erzähler "Metodi" oder "Konstantin".

"Verrat, wie lautet dein Name? Deine Adresse, deine Kragenweite? Beziehst du Rente? Wirst du dich jemals zur Ruhe setzen? Schreibst du an deinen Memoiren? Wie viel Kielköpfe hast du in die Welt geworfen? Hast du ihnen beigebracht, alles und jeden zu verraten?" Leseprobe

Suche nach seinem Peiniger

Auf der Suche nach denjenigen, die ihn verraten haben, stößt Konstantin bald auf Metodi.

Sie kannten sich schon aus Schulzeiten. Seine Recherchen rufen Erinnerungen wach an Verhöre und Folterszenen, an Überwachungen aus dem Freundes- und Familienkreis. Und da ist diese Wut, dass die alten Polit-Kader auch nach 1989 überwiegend einfach weiter machen konnten. Bei Metodis Rückblicken schockiert die Arglosigkeit, mit der er seine brutale, politische Laufbahn rekapituliert. Da stellt sich kurz vor seinem 70. Geburtstag eine Frau bei ihm vor:

"Das ist mein Neffe, Sergej, und wer ich bin, weißt du ja offensichtlich. Bleibt bloß die Frage, wer du bist?' - 'Nezabrawka Michailowa.' – 'Wir kenn uns nicht, oder?' - 'Nicht direkt.' - Na, dann komm mal rein, du hast mir ´ne Nachricht zu überbringen, oder? leseprobe

Nezabrawka behauptet, eine uneheliche Tochter Metodis zu sein, gezeugt bei einer Vergewaltigung in einem Arbeitslager. Damit bringt sie seine scheinbar unangefochtene, gesellschaftliche Situation ins Wanken. "Macht und Widerstand" lebt von den starken Emotionen Wut, Rache- und Vergeltungssucht und dem Streben nach einer Gerechtigkeit, die sich am Ende der Geschichte durchsetzen soll. Ganz nebenbei schließt der Autor manche Bildungslücke, denn anders als Polen, Ungarn und Tschechien bzw. die Slowakei fristet Bulgarien in der öffentlichen Wahrnehmung ein Schattendasein. Mit diesem Roman ist auch ein Anfang gemacht, das zu ändern.

Macht und Widerstand

von
Seitenzahl:
480 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
S. Fischer Verlag
Bestellnummer:
978-3-10-002463-3
Preis:
24,99 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.08.2015 | 12:40 Uhr

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