Stand: 21.05.2019 13:25 Uhr

Wenn Alan Turing noch leben würde

Maschinen wie ich
von Ian McEwan, aus dem Englischen von Bernhard Robben
Vorgestellt von Ulrike Sárkány
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In McEwans Roman lebt der Informatiker Alan Turing noch und hat menschliche Roboter entwickelt.

Ein neuer Roman von Ian McEwan ist immer ein Ereignis. Der britische Schriftsteller versteht es wie kaum ein anderer, in seine packenden und unterhaltsamen Geschichten scheinbar spielerisch und anstrengungsfrei wesentliche Gedanken zum unmittelbaren Zeitgeschehen einfließen zu lassen. Sein neuer Roman in der deutschen Übersetzung von Bernhard Robben heißt "Maschinen wie ich".

Ein Roboter mit Intelligenz und Emotion

Die Hauptperson in diesem Roman ist ein Roboter namens Adam, eine mit Intelligenz und Emotion ausgestattete Maschine, die aussieht wie ein echter Mensch:

"Er war kompakt gebaut, breitschultrig, hatte einen dunklen Teint und dichtes, schwarzes, nach hinten gekämmtes Haar, ein schmales Gesicht mit einer leicht gekrümmten Nase, die ihn hochintelligent wirken ließ, einen grüblerischen Blick unter schweren Lidern und feste Lippen, die in diesem Moment, vor unseren Augen, ihren tödlich gelbweißen Farbton verloren und eine satte lebhafte Farbe annahmen, sich in den Mundwinkeln sogar ein wenig entspannten." Leseprobe

Charles Friend, der 32-jährige Ich-Erzähler, und Miranda, seine 22-jährige Wohnungsnachbarin und bald auch Freundin, sehen dem Roboter dabei zu, wie er beim Aufladen langsam zum Leben erwacht. Charles hat ihn für die stattliche Summe von 86.000 Pfund aus der ersten Produktionsreihe von dreizehn Eves und zwölf Adams erworben.

"Der erste wirklich funktionsfähige künstliche Mensch mit überzeugender Intelligenz und glaubhaftem Äußeren, mit lebensechter Motorik und Mimik kam auf den Markt, eine Woche ehe unsere Truppen zu ihrer hoffnungslosen Falkland-Mission aufbrachen." Leseprobe

Der Autor verändert die historischen Ereignisse

Die Handlung spielt nicht, wie man vermuten sollte, in einer mehr oder weniger fernen Zukunft, sondern im Jahr 1982, als Großbritannien den Falklandkrieg gegen Argentinien führte. Bei Ian McEwan hat der geniale britische Mathematiker Alan Turing eine Hormonbehandlung gegen seine Homosexualität abgelehnt und deshalb nicht schon im Alter von 42 Jahren Selbstmord begangen, was ihm Zeit ließ, die Forschung über die künstliche Intelligenz so rasch voranzutreiben.

Bei Ian McEwan verliert Großbritannien den Falklandkrieg, was Margaret Thatcher in eine ähnliche Lage bringt wie derzeit Theresa May. Tony Benn wird eine dem jetzigen Labour-Leader Jeremy Corbyn vergleichbare Figur. Mit anderen Worten: McEwan schreibt die Geschichte auf äußerst scharfsinnige Weise um. Aber die politischen Ereignisse bilden nur die Kulisse für ein ganz und gar privates Drama.

"'Charlie, wenn ich dies hier richtig deute, bereitest du ein Essen für deine Freundin von oben vor. Für Miranda.'
Ich sagte nichts.
'Laut meinen Recherchen der letzten Sekunden und der sich daraus ergebenden Analyse solltest du ihr nicht restlos vertrauen.'
'Was sagst du da?'
'Laut meinen ...'
'Erkläre dich.'
Ich starrte aufgebracht in Adams leeres Gesicht. In ruhigem, betrübtem Ton sagte er: 'Es besteht eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sie eine Lügnerin ist. Eine systematische, böswillige Lügnerin.'" Leseprobe

Roboter Adam verliebt sich

Adam wird sich dennoch, genau wie sein Besitzer, in Miranda verlieben. Als die drei Mirandas vergreisten Vater besuchen, hält der Charlie für den Roboter und Adam für seinen vielversprechenden zukünftigen Schwiegersohn.

Lesung
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Wanja Mues liest Ian McEwan

NDR Kultur

In seinem neuen Roman erfindet Ian McEwan einen mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Roboter, der sich in zwischenmenschliche Beziehungen einmischen kann. mehr

Dass Charles tatsächlich reichlich lange braucht, bis er merkt, dass seine teure Neuerwerbung - immerhin im Wert eines Eigenheims - nicht nur für den häuslichen Putzdienst, sondern auch fürs Tätigen von Börsengeschäften gewinnbringend einsetzbar ist, könnte man als eine Schwäche in der Romankonstruktion ansehen. Aber es passt zum verträumten Naturell dieses jungen Helden, der sich im Weiteren noch einigen moralischen Dilemmata ausgesetzt sehen wird. Eindrucksvoll vor allem seine Begegnungen mit dem zu hohen Ehren gekommenen, inzwischen 70-jährigen Wissenschaftler Alan Turing!

Ian McEwan hat mit seiner schon oft überzeugend eingesetzten "Was wäre, wenn?"-Fragestellung wieder einen aufregend fantasievollen, ideenreichen und bewegenden Roman geschrieben, der den Nerv unserer Zeit trifft.

Maschinen wie ich

von
Seitenzahl:
416 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Diogenes
Bestellnummer:
978-3-257-07068-2
Preis:
25,00 €

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