Stand: 23.12.2016 12:14 Uhr  | Archiv

Ein Meister für den richtigen Moment

von Annkathrin Bornholdt

"Was das Fotografieren betrifft, davon verstehe ich nichts." Der französische Fotograf Henri Cartier-Bresson soll diesen Satz gesagt haben - bei seiner bis heute anhaltenden Berühmtheit erscheint diese Aussage geradezu wie ein Witz. Und doch birgt sie einen Funken Wahrheit, denn Cartier-Bresson wollte sich zeitlebens nicht groß mit der Technik des Fotografierens, Entwickelns und Bearbeitens befassen. Für ihn bestand die Kunst darin, mit seiner kleinen Leica intuitiv den richtigen Moment abzupassen. Und darin war er ein wahrer Meister, wie ein Bildband seiner Hauptwerke zeigt, der jetzt in einer Neuauflage erschienen ist.

"Das Foto ist eine Welt. Ich bin hinter dem einen, einmaligen Foto her, dessen Komposition solche Kraft und solchen Reichtum besitzt und dessen Inhalt so nach außen strahlt, dass dieses einzelne Bild eine ganze Geschichte in sich selbst darstellt."

Mit einem Foto Geschichten einfangen

Im Bruchteil einer Sekunde eine ganze Geschichte einfangen: davon verstand Henri Cartier-Bresson, der 1908 geboren wurde und 2004 verstarb, sehr viel. Und so entstand in seinem langen Leben eine Fülle teils skurriler, teils ironischer, teils auch verstörender Fotos: "Besonders ein Aspekt interessiert mich an der Fotografie, eine Sache bewegt mich und fesselt mich, das ist der Blick auf das Leben. Es ist eine Art ständiger Frage und sofortiger Antwort."

Ein Mädchen, das in einem griechischen Dorf zwischen weiß getünchten Häusern die Treppen hinauf rennt. Ein Mann im Anzug, der über einer Pfütze zu schweben scheint. Russische Bauarbeiter beim Tanz in einer Kantine. Familien beim Picknick an der Seine. Ein Betrunkener auf dem Gehweg in New York. Spielende Kinder vor der frisch errichteten Berliner Mauer.

Motive aus aller Welt

Auf knapp 350 Seiten versammelt der Bildband 155 Fotografien und eine wahre Fülle an Motiven aus aller Welt. Die Bilder, die aus 50 Jahren seines fotografischen Schaffens stammen, wählte Cartier-Bresson Ende der siebziger Jahre selbst aus, als er kaum noch fotografierte, sondern sich längst wie schon als Student wieder der Malerei widmete.

1953 beim Pferderennen in Ascot. Es regnet in Strömen. Die Besucherbänke sind wie leergefegt. Im Hintergrund tummeln sich ein paar feine Leute mit Regenschirmen. Nur ganz vorne im Bild sitzt ein tapferer älterer Herr. Die Hände hat er auf dem Gehstock übereinandergelegt, er blickt skeptisch hinauf zum Fotografen. Sein Trenchcoat ist klitschnass, auf dem Kopf trägt er ein durchgeweichtes Stück Zeitung. Lächerlich und rührend zugleich wirkt diese Szene.

Es ist dieser Blick für das vermeintlich Unwesentliche, der Henri Cartier-Bresson, den Mitbegründer der Fotoagentur Magnum, so berühmt gemacht hat: "Ich will nicht, dass man mich als Berufsfotografen erkennt. Je anonymer ich wirke, umso besser kann ich heran an meinen Gegenstand. Am allerliebsten möchte ich unsichtbar sein, aber im tieferen Sinne. Ich will nicht der Gesehene sein, sondern der Sehende. Die Kamera ist dann nur die Fortsetzung meines Auges."

Raffinierte Bildkompositionen

Wie nah Cartier-Bresson seinem Gegenstand kommen konnte, zeigt ein Porträt, das 1950 im südindischen Mandurai entstanden ist: Ein abgemagertes Kleinkind auf dem Arm eines Erwachsenen fixiert mit einem Auge den Betrachter. Seine Rippen zeichnen sich deutlich unter der Haut ab. Die Finger des Erwachsenen liegen aufgefächert über dem Kopf des Kindes. Dieses fächerförmige Streifenmuster der Rippen und Finger kehrt noch einmal wieder, denn die rechte Bildhälfte wird dominiert vom Rad eines Holzkarrens, dessen Speichen das Muster aufzugreifen scheinen.

Diese Komposition aus der Geometrie der Umgebung und den sich darin befindenden Akteuren ist so typisch für Cartier-Bresson. Sie erinnert an die Malerei, in der er seine Wurzeln hatte. Viele seiner Bilder zeigen Menschen die sich durch einen genau ausgewählten Bildausschnitt bewegen. Als hätte der Fotograf nur auf diesen Moment gewartet. Immer wieder sieht man, wie er Straßen und Wege, Treppenstufen und -geländer, Häuserwände und Mauern so im Bild platziert, als wären es gemalte Linien, die sich an festgelegten Fluchtpunkten orientieren.

Cartier-Bressons Fotografien laden zur widerholten Betrachtung ein. Der Bildband erzählt von einem Journalisten und Künstler, der sehr an den Menschen interessiert war, eine grandiose Intuition besaß, sich viel Zeit für die Betrachtung nahm und für seine Jagd nach dem richtigen Moment die ganze Welt bereiste.

Henri Cartier-Bresson: Die Photographien

von
Seitenzahl:
344 Seiten
Genre:
Bildband
Zusatzinfo:
Die vom Künstler selbst ausgewählten Hauptwerke.
Verlag:
Schirmer/Mosel
Bestellnummer:
978-3-8296-0776-6
Preis:
98,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | 25.12.2016 | 16:20 Uhr

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