Hanya Yanagihara: "Zum Paradies"  Cover © Ullstein

Hanya Yanagiharas "Zum Paradies" - die Angst vor dem Sterben

Stand: 11.01.2022 14:27 Uhr

Hanya Yanagiharas neues Buch "Zum Paradies" umfasst eine Fantasiegeschichte aus dem 19. Jahrhundert, eine Art historischen Roman und eine Dystopie - das alles in drei Jahrhunderten auf 900 Seiten.

von Annemarie Stoltenberg

Der erste Teil spielt 1893, der zweite im Jahr 1993 und der dritte 2093. Gemeinsam ist allen drei Teilen ein wichtiger Handlungsort, Drehpunkt aller drei Teile. Es ist ein Haus in New York am Washington Square, ein respektables Gebäude, das im ersten Teil einen von Dienstboten gepflegten Reichtum ausstrahlt. Der Enkel des Hausbesitzers erfährt, dass er der Erbe dieses Hauses sein wird, er ist bei seinem Großvater aufgewachsen.

Alle drei Romanteile spielen in ihrer eigenen Lebenswelt

Er hatte in diesem Haus nie etwas anderes als einen Zufluchtsort gesehen, dessen Wände nicht nur die Schrecken der Welt abhielten, sondern auch sein ganzes Selbst zusammenhielten. Leseprobe

Weiterhin wird David eröffnet, dass sein Großvater ihn mit einem Mann verheiraten möchte. David wird aber mit einem Klavierlehrer, der nicht standesgemäß ist, durchbrennen. Es ist schon erstaunlich, dass auch dieser Roman von Hanya Yanagihara - wie schon "Ein wenig Leben" fast nur von Männern handelt.

Dieser erste Teil ist wie eine in die Vergangenheit gerichtete Vision, dass jedwede Verbindung von Geschlechtern möglich sei, also Ehen zwischen Männern ebenso wie Ehen zwischen Frauen, die Kinder werden adoptiert.

Männer spielen die Hauptrolle in Yanagiharas Roman

Im zweiten Teil erzählt Yanagihara vom Ausbruch der AIDS-Epidemie. Es beginnt 1993 in Manhattan. Ein junger Hawaiianer lebt mit einem reichen, älteren Mann zusammen. In einem langen Brief von seinem Vater wird ein dunkles Kapitel der Kolonialgeschichte Amerikas beleuchtet.

Der erschütterndste Teil ist sicherlich Buch III, das im 21. Jahrhundert angesiedelt ist. Hier beginnt die Erzählung 2093 und geht in Rückblenden und Erinnerungen in die Jahre 2020, 2050, 2056 und vor allem 2088. Die Jahreszahlen markieren jeweils die Ausbrüche großer Pandemien.

Die Grippe von 1918 war letztlich nur weniger verhängnisvoll, als sie hätte sein können: Die Mikrobe reiste mit dem Schiff von Kontinent zu Kontinent, und damals brauchte man, wenn man sich beeilte, eine Woche von Europa nach Amerika. Die Sterblichkeitsrate auf dieser Reise war so hoch, dass man viel weniger Überträger hatte. Leseprobe

Der ständige Kampf gegen die Krankheit bestimmt das Leben

Dem Kampf gegen neue Krankheitsausbrüche ist jetzt das komplette Arbeiten, Forschen und politische Handeln untergeordnet. Hier taucht übrigens mit Charlie die erste weibliche Hauptfigur des Buches auf, sie arbeitet in einem Labor und berichtet über die Stimmung der Menschen im Lande:  

Manche waren der Meinung, die Wissenschaftler würden nicht hart genug arbeiten - sie glaubten, wenn sie schneller arbeiteten, würde sich die Krankheit heilen lassen und das Leben besser werden, vielleicht sogar wieder so, wie es einmal gewesen war. Manche glaubten, die Wissenschaftler würden an den falschen Lösungen arbeiten. Dann gab es die, die glaubten, die Wissenschaftler würden die Krankheiten in unseren Labors erschaffen, weil sie bestimmte Arten von Menschen ausrotten oder dem Staat helfen wollten, die Kontrolle über das Land zu behalten, und das waren die Gefährlichsten von allen. Leseprobe

Der Staat regiert hart autoritär, um die sich abwechselnden Seuchen zu bekämpfen, es gibt regelmäßig Hausdurchsuchungen und Verhaftungen. Man hat Isolationszentren eingerichtet, strenge Hygienestandards und versucht, neue Seuchenvarianten gezielt einzudämmen.

Ein brillantes, aber auch behäbiges Buch

Hanya Yanigihara hat diesen Teil ihres Buches übrigens nicht unter dem Eindruck der Corona-Pandemie geschrieben, sondern lange vorher damit begonnen. Der magische Kern, um den dieser Roman kreist, liegt im rätselhaften Titel verborgen: "Zum Paradies". Das wird zum Schluss das Geheimnis sein, dem sich nur nähern kann, wer keine Angst mehr vor dem Sterben hat.

Schwere Kost ist das. Absolut brillant, aber auch erstaunlich behäbig mit vielen Wiederholungen geschrieben. Ein Gefühl der Erleichterung stellte sich bei mir ein, als ich das Buch zu Ende gelesen hatte, und dazu der Wunsch, den Inhalt so rasch wie möglich wieder zu vergessen.

Zum Paradies

von Hanya Yanagihara, aus dem Englischen von Stephan Kleiner
Seitenzahl:
896 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Claassen bei Ullstein Buchverlage
Bestellnummer:
978-3-5461-0051-9
Preis:
30 €

Dieses Thema im Programm:

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