Stand: 18.03.2020 16:16 Uhr  - NDR Kultur

"Die Villa": Roman über Umbrüche im 20. Jahrhundert

Die Villa
von Hans Joachim Schädlich
Vorgestellt von Alexander Solloch

Hans Joachim Schädlich blickt zurück auf ein langes Leben voller Wechselfälle: 1935 wurde er im sächsischen Vogtland geboren, überlebte den Krieg, arbeitete dann als Linguist an der Akademie der Wissenschaften in Ost-Berlin und schrieb heimlich seine ersten literarischen Texte.

Hans Joachim Schädlich: "Die Villa" © Rowohlt
Schädlich beschreibt vermeintlich harmlose Durchschnittsmenschen vor und während der Nazi-Zeit.

Ende der 70er-Jahre siedelte er in die Bundesrepublik über. Ein totaler Neuanfang für ihn und ein langer Weg zum literarischen Ruhm, den er sich in der Folge mit Romanen wie "Tallhover" und "Schott" erschrieb. Zuletzt, vor zwei Jahren, erschien von ihm "Felix und Felka", die Geschichte des Maler-Ehepaars Nussbaum, ihrer Verfolgung und Flucht.

Sein Nachdenken über die Vergangenheit der Deutschen setzt er fort mit seinem neuen Roman "Die Villa", der jetzt, ein paar Monate vor Hans Joachim Schädlichs 85. Geburtstag, bei Rowohlt erschienen ist.

Da steht der Mensch mit seinem kleinen Leben. Es will gelebt werden, aber die Turbulenzen der Geschichte - meist menschengemacht, wohlgemerkt - schleudern ihn unablässig herum, so dass ihm allenfalls das Überleben bleibt.

Szenen aus dem Leben einer Kleinstadt

Hans Joachim Schädlich sammelt Szenen aus dem Leben in Dorf und Kleinstadt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erkennbar geschöpft aus der eigenen Kindheit. Die vogtländische Familie Kramer - Elisabeth, die manchmal als Erzählerin das Wort ergreift, ihr Mann Hans und die vier Kinder - kommt noch ganz gut durch die 30er-Jahre, dem Parteikarrierismus von Hans sei Dank. Er schaut weg, wo Elisabeth hinschaut:

Elisabeth Kramer sagte zu ihrem Mann: "Alfred hat erzählt, dass in Plauen die Synagoge ausgebrannt ist. Die Feuerwehr hat nicht gelöscht."
Hans Kramer: "Ich weiß."
Elisabeth Kramer: "Und auf dem jüdischen Friedhof sind die Grabsteine umgeschmissen und vollgeschmiert worden, sagt Alfred. Das ist nicht recht."
Hans Kramer: "Sei bitte still." Leseprobe

Es kommt der Krieg, aber Angst, versichert Hans, müsse man nicht haben. Große Erfolge stünden bevor. Der Familie geht es ja auch ganz gut, sie kann 1940 aus dem Dorf in die Stadt Reichenbach ziehen, in eine schöne Gründerzeitvilla mit Hauspersonal, später kommt noch ein Zwangsarbeiter zum Gärtnern.

Aber auch Hans werden noch die Augen geöffnet. Nachdem die Deutschen in Russland einmarschiert sind, sagt er: "Jetzt müssen wir Angst haben." Mehr sagt er nicht. Weder die Figuren noch der Erzähler verlieren viele Worte.

Der Autor ist ein Meister der Lakonie

Hans Joachim Schädlich ist ein Meister der Lakonie - ein Nachfahr also der Lakonier im antiken Griechenland, mit denen er sich, kaum zufällig, ganz gut auskennt: "Ein feindlicher Herrscher hatte die Absicht, das Gebiet der Lakonier mit der Hauptstadt Sparta zu erobern. Und er hat an die Hauptstadt Sparta eine Botschaft geschickt, die lautet: "Wenn ich euch besiegt haben werde, dann brennen eure Häuser, und eure Frauen werden Witwen." Und der König von Lakonien hat geantwortet: 'Wenn'."

Das ist Hans Joachim Schädlichs in den letzten fünfzehn Jahren stets verfeinerte Art des Erzählens. Er setzt in seinen kleinen Romanen nur das Nötigste, Erzähl-Atömchen gewissermaßen, auf die Blätter - und lässt dazwischen gewaltige Leerstellen.

Ilse Jahn, eine entfernte Verwandte von Hans Kramer, besuchte 1942 die Familie in Reichenbach. Sie war die Tochter des früheren Ministerialdirektors Ernst Jahn.
Ilse Jahn sprach unter vier Augen mit Hans Kramer. "Mein Vater hat zu mir gesagt: Am dreizehnten Mai Achtunddreißig saß ich mit dem Exministerialrat Reischauer und mit Doktor Schreiner beim Doppelkopf im 'Erbprinz'. Wir wurden Zeugen einer Prügelei zwischen dem betrunkenen Ministerpräsidenten Marschler und dem ehemaligen OB Stegmann, der Marschler verletzte. Wir haben Marschler aufgefordert, sich bei Stegmann zu entschuldigen und Stegmanns Sakko zu ersetzen, das zerrissen worden war. Am nächsten Tag wurden Reischauer, Schreiner, ich und Stegmann von der Gestapo verhaftet und ins KZ Buchenwald eingeliefert. Nach vier Wochen wurden wir alle aus dem Lager entlassen. Was ich dort erlebt habe, kann ich nicht beschreiben. Aber ich erzähle es dir.‘"
Ilse Jahn sagte zu Hans Kramer noch: "Und ich erzähle es dir." Leseprobe

Wir aber erfahren es nicht. Die Leerstellen darf und soll der mündige Leser selbst füllen, mit eigenen Gedanken, Ahnungen und Geschichten, Geschichten vom Leben und Überleben.

Die Villa

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-06555-3
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 19.03.2020 | 12:40 Uhr

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