Stand: 15.11.2018 15:27 Uhr

Ein Hund erinnert sich

Nortons philosophische Memoiren
von Håkan Nesser, aus dem Schwedischen von Paul Berf
Vorgestellt von Jürgen Deppe
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Eigentlich ist Håkan Nesser für seine düsteren Krimis bekannt, mit diesem Büchlein beweist er, dass er auch anders kann.

Mit düsteren Romanen wie "Kim Novak badete nie im See von Genezareth", "Der Fall Kallmann" oder "Die Schatten und der Regen" befeuert Håkan Nesser seit vielen Jahren den Schweden-Krimi-Boom. Die dunkle Seite des Idylls - das ist seine. Aber nicht immer. Ab und zu verlässt er das Metier und schreibt, wie jetzt mit "Nortons philosophische Memoiren", Bücher, die einfach verzücken.

Ein Philosoph im Hause Nesser

Neulich hieß es in der Tageszeitung "Die Welt", Håkan Nesser sei wohl der "bisher unverfilmteste Mord- und Totschläger aus Skandinavien". Das mag so sein, zumindest ist er kein notorischer Serientäter wie Henning Mankell und all die anderen mit ihren serientauglichen Wiedergängern. Nein, eher ist Nesser schon der "Philosoph unter den schwedischen Krimiautoren". Zumindest erhebt ihn sein deutscher Verlag zu einem solchen. Dabei war der wahre Philosoph im Hause Nesser: Norton Kierkegaard, ein Rhodesian Ridgeback.

Meine Vorfahren pflegten Löwen in Afrika zu jagen, aber ich selbst bin ein moderner, urbaner Hund, der im Großen und Ganzen nichts mit der Jagd am Hut hat. Leseprobe

Nicht mit der Jagd und auch sonst mit nichts, was schnelle oder ausdauernde Bewegung nötig machen würde. Denn ja, man hätte Norton für den afrikanischen Jagdhund des schwedischen Krimiautors Håkan Nesser halten können, aber eigentlich war er von 2004 bis 2014 der Philosoph im Hause Nesser und Nesser nur derjenige, der Nortons Gedanken aufgezeichnet hat. Auch wenn Norton das in seinen jetzt vorliegenden Memoiren bestritten hat.

Ich bin kein Philosoph. Ich bin ein Hund. Aber ich sehe aus wie ein Philosoph, der Ansicht sind die meisten, außerdem bin ich mir nicht sicher, ob der Unterschied tatsächlich so groß ist, wie man gemeinhin annimmt. Leseprobe

Auch andere Hundebesitzer kennen das Phänomen

Die meisten Hundebesitzer werden Norton an dieser Stelle wahrscheinlich Recht geben: Auch wenn Hunde in der Regel dazu neigen, ihre hochphilosophischen Gedanken für sich zu behalten - an ihren tiefsinnigen Blicken erkennen ihre Halter ohne jeden Zweifel, dass Hunde die wahren Philosophen sind und gern mal über so etwas wie die "Moralität" sinnieren. Norton tut es im Kapitel "Die Frau im Wald".

Was auch immer Moralität bedeuten mag, aber mir gefällt das Wort. Die Kunst, mit Begriffen um sich zu werfen, die man nicht wirklich versteht, habe ich natürlich von Herrchen gelernt, in dem Punkt gebe ich ihm die Schuld. Leseprobe

Das Herrchen, also Håkan Nesser, hat Norton in seinem langen Hundeleben, das er selbst einteilt in "Stadien auf dem Lebensweg", "Weitere Stadien auf dem Lebensweg" und "Endstadien auf dem Lebensweg", überall mit hingenommen. Von Nordschweden nach Südschweden und in die Hauptstadt Stockholm, vom englischen Exmoor in der Grafschaft Somerset in die New Yorker Upper Eastside und den Central Park. Eine Art olfaktorischer Overkill!

Leiden unter moderner Reizüberflutung

Es gibt einen Unterschied zwischen Philosophen und Hunden, den ich noch nicht berührt habe. Wir dogs […] verlassen uns auf unseren Spürsinn, er ist für uns ein Quell großer Freude und sehr nützlich, kann ehrlich gesagt manchmal jedoch auch zur Qual werden. Leseprobe

Da beißt sich die Katze in den Schwanz - oder besser, entlarvt sich der Hund dann doch als Philosoph: Denn was wäre philosophischer als das Sinnieren über die Reizüberflutung in modernen Zeiten? Nessers Norton weiß davon ein Lied zu singen. Wie überhaupt von vielen Beobachtungen des Alltags aus der Sicht eines Vierbeiners.    

Krimiautor Håkan Nesser, der mit "Sechs Tage in Berlin" ja schon bewiesen hat, dass er auch anders kann, zeigt es mit diesem kleinen, bezaubernden Büchlein über den faulen Philosophen Norton einmal mehr. Denn wie weiß der zu berichten? 

Der beste Freund des Menschen ist der Hund, das ist eine Selbstverständlichkeit, doch der beste Freund des Hundes ist die Ledercouch. Leseprobe

Nortons philosophische Memoiren

von
Seitenzahl:
96 Seiten
Genre:
Roman
Zusatzinfo:
mit 24 s/w-Abbildungen
Verlag:
btb
Bestellnummer:
978-3-442-75749-7
Preis:
12,00 €

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