Stand: 13.04.2018 12:20 Uhr

Frühlingssehnsucht

Nach dem Winter
von Guadalupe Nettel, aus dem Spanischen von Carola Fischer
Vorgestellt von Tobias Wenzel
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Guadalupe Nettel ist mit "Nach dem Winter" ein größtenteils überzeugender Roman gelungen.

In Mexiko zählt Guadalupe Nettel schon länger zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren. Ihre Werke sind in über zehn Sprachen übersetzt. Sie ist Trägerin des deutschen Anna-Seghers-Preises und erhielt für ihren Erzählband "Feuerwerk" den mit 50.000 Euro dotierten Premio de Narrativa Breve Ribera del Duero. Auch ihr Roman "Nach dem Winter", der nun auf Deutsch vorliegt, wurde mit einem wichtigen Literaturpreis ausgezeichnet.

Die heimliche Hauptfigur in Guadalupe Nettels Roman "Nach dem Winter" ist der Pariser Friedhof Père Lachaise. In einer Wohnung direkt am Friedhof lebte Nettel vor Jahren genauso wie ihre Ich-Erzählerin Cecilia, auch sie eine mexikanische Immigrantin: "Als ich hier gegenüber eingezogen bin", erzählt Nettel, "haben die grünen Bäume die Sicht auf den Friedhof erst noch verdeckt. Aber als es dann kälter wurde und die Blätter von den Bäumen gefallen waren, habe ich aus meinem Fenster nur noch Gräber gesehen."

Detaillierte Beschreibungen des Sterbens

Mit dem Winter kündigt sich im Roman letztlich der Tod an. Cecilia geht mit zwei sehr unterschiedlichen Männern auf dem Père Lachaise spazieren: mit dem sterbenskranken Tom, der meint, die Stimmen der Toten hören zu können, und in den sie sich verliebt, und mit Claudio, einem oberflächlichen Exilkubaner in New York, der Karikatur eines lateinamerikanischen Machos. Cecilia und Claudio sind die beiden grundverschiedenen Ich-Erzähler des Romans. Und doch verbindet sie letztlich der frühe Verlust eines geliebten Menschen. Nettel beschreibt detailliert Toms Sterben im Krankenhaus.

"Ich möchte die Aspekte des Schmerzes sichtbar machen, vor denen wir eigentlich lieber die Augen verschließen", so Nettel. "Denn nur so lernen wir, diesen Schmerz zu überwinden. Ich habe darüber geschrieben, wie ein Mann im Beisein seiner Freundin im Krankenhaus stirbt, weil ich das hier in Paris erlebt habe. Das ist sehr autobiografisch und fast eine Chronik meiner Erfahrungen."

Moralisierender Beigeschmack

Die Einsamkeit beim Trauern und die Erkenntnis, dass große Liebe in der Regel nicht von Dauer ist, sind im Buch mit der winterlichen Jahreszeit verwoben. Das und alle Passagen der Ich-Erzählerin Cecelia sind äußerst gelungen. Diese stark autobiografische Figur ist glaubhaft. Dagegen nimmt man Nettel den männlichen Ich-Erzähler Claudio weniger ab, mit dem Cecilia in New York eine kurze Liebesbeziehung eingeht. Zwar versucht die Autorin, Claudio durch eine frühe Todeserfahrung seine Eindimensionalität zu nehmen. Aber das wirkt konstruiert. Als Claudio auch noch beim Boston-Marathon einer Läuferin vor ihm die Hilfe verweigert und danach - wie zur Strafe - durch das bekannte Attentat ein Bein verliert, bekommt all das einen verstörend moralisierenden Beigeschmack. Das passt so gar nicht zur eigentlich feinsinnigen Beobachterin Nettel. Großartig beschreibt sie nämlich mit Cecilia den langwierigen Übergang von tiefer Trauer in leise Hoffnung und die Sehnsucht nach einem mit dem Frühling einhergehenden Neuanfang.

Die Krümel des Glücks

Die Figuren lernen, das vermeintlich Unwesentliche in Liebe und Leben zu schätzen. In ihren Büchern betont Guadalupe Nettel grundsätzlich die Unvollkommenheit. Im Roman "Nach dem Winter" zitiert sie einen Dichter mit den Worten, wir seien unvollkommene Wesen in einer unvollkommenen Welt und zu Krümeln des Glücks verdammt. Das deutet Nettel beim Gespräch auf dem Pariser Friedhof Père Lachaise allerdings positiv: "Wir haben ja oft die Vorstellung, dass wir eines Tages das große Glück in Form eines riesigen Kuchens finden. Aber wir sehen nicht die vielen kleinen Kuchenkrümel auf dem Weg, die wirklich für uns bestimmt sind. Ich glaube, es ist wichtig, dass wir diese Krümel wahrnehmen, schätzen und genießen, immer dann, wenn wir ihnen begegnen. Denn wir wissen ja nicht, was uns am Ende des Weges erwartet."

Guadalupe Nettel ist mit "Nach dem Winter" kein perfekter, sondern nur ein größtenteils überzeugender Roman gelungen. Von dieser Autorin darf man aber noch einiges erwarten.

Nach dem Winter

von
Seitenzahl:
344 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Blessing Verlag
Bestellnummer:
978-3- 89667-613-9
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 16.04.2018 | 12:40 Uhr

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Dieser Artikel wurde ausgedruckt unter der Adresse: https://www.ndr.de/kultur/buch/Guadalupe-Nettel-Nach-dem-Winter,nettel100.html

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