Stand: 19.03.2018 10:00 Uhr

Verbrechen an einem Kind

Schweigekind
von Gert Heidenreich
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg
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"Schweigekind"-Autor Gert Heidenreich hat unter anderem 2017 den Menschenrechtspreis von Amnesty International erhalten.

Der 1944 in Eberswalde geborene Schriftsteller Gert Heidenreich hat für seine Romane, Theaterstücke, Erzählungen, Essays und Gedichte schon viele Literaturpreise bekommen und für seine Drehbücher wurde er zweimal mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Dass Gert Heidenreich ganz exzellent die Dramaturgie einer Geschichte aufbauen kann, zeigt sich auch in seinem neuen Roman "Schweigekind".

Freiwillig ins Sanatorium

Ob man möchte oder nicht, wer einmal angefangen hat, dieses Buch zu lesen, wird es zu Ende bringen. Die Geschichte entwickelt mehr und mehr eine verstörende Faszination. Der Psychotherapeut Hans Sahlfeldt lässt sich in ein Sanatorium einweisen, bei einem älteren Kollegen, den er kennt.

"Er stieg die Eisentreppe hinab, und Bruno Tiefenbach, mit seinen fünfundsiebzig Jahren weniger trittsicher als sein acht Jahre jüngerer Patient, sah sich genötigt zu folgen und hielt sich an Sahlfeldts Mantel fest. Nebeneinander stapften sie in den Schnee hinaus." Leseprobe

Schuldige Fachleute

In dieser kurzen Sequenz aus dem ersten Kapitel des Romans wird das Verhältnis der beiden Männer schon perfekt angedeutet. Sie sind beide Fachleute. Tiefenbach durchschaut, dass Sahlfeldt den Irren, der einen Mord begangen haben will, nur spielt. Sahlfeldt will Tiefenbach zu einer Erkenntnis bringen, beide fühlen sich schuldig, beide, ohne etwas getan zu haben. Tiefenbach ist noch immer Anhänger der Behandlungsweise nach Sigmund Freud, Sahlfeldt hält das für überholt und bevorzugt andere Methoden.

"'Ihr Analytiker', fuhr Sahlfeldt fort, 'wollte ja immer was von der Kindheit hören und von Mutterliebe, aber ich habe keine Lust, von meiner Kindheit zu sprechen.'" Leseprobe

So wird die Geschichte nicht von seiner Kindheit an, sondern von dem Moment an aufgerollt, als in Sahlfeldts Sprechstunde die schöne Lenya kommt, um ihn um Hilfe zu bitten für ihre Tochter Hanna, die aufgehört habe zu sprechen. Sahlfeldt soll ihr sagen, wie man das verstummte Kind behandeln könne.

Nie verschickte Briefe

Aber stattdessen verliebt er sich unrettbar, in einer Art Liebeskrankheit, in Lenya, eine international gefeierte Bildhauerin. Lenya, auch Lena genannt, schreibt Briefe an Sahlfeldt, die nur wir Leser sehen dürfen, die sie nie abschicken wird, denn sie erzählt von den Gründen für einen groß angelegten Rachefeldzug gegen die Schänder ihrer Kindheit, wo ihr Schmerz begründet ist. Dieser Schmerz ist übermächtig groß: 

"'Du hältst es nicht aus', sagte sie. 'Es zu wissen', widersprach er, 'und es nicht verhindert zu haben'. 'Du bist nicht schuld, du kommst doch in meiner Vergangenheit nicht vor.' 'Aber ich schäme mich.'" Leseprobe

Begründete Scham

Sahlfeldt schämt sich, das werden wir später erfahren, vor allem für seinen Vater, einen ehemaligen Oberstaatsanwalt.

"Der ließ nach Absprache mit dem Jugendamt eine Befragung des Kindes von einem psychologischen Gutachter durchführen ... Das Gutachten gehe von einer frühpubertären Renitenz der L.K. aus, da sie zu sämtlichen Fragen beharrlich geschwiegen habe." Leseprobe

Auch der damalige psychologische Gutachter Tiefenbach hat also Grund, sich zu schämen:

"'Wenn ein Kind zu dir kommt, kommt es nicht zu deinem Kopf, und wenn der noch so überlegen ist und die ganze Welt erklären könnte. Es kommt zu deinen Händen und zu deinem Herzen. Von deinen Händen will es geschützt und von deinem Herzen verstanden werden. Ich habe beides nicht getan. Darum hat Lena geschwiegen. Ich war für sie wie die anderen Männer, die sie kannte. Ich habe ihrem Schweigen nicht zugehört. Und dafür schäme ich mich heute.'" Leseprobe

Missbrauch und Rache

Gert Heidenreich fügt behutsam alle Einzelteile einer durch Missbrauch beschädigten Kindheit zusammen und lässt Lenya Rache üben an denen, die ihr Leid angetan haben.

Es ist unfassbar, dass so etwas in unserer Gesellschaft immer wieder geschehen kann. Gert Heidenreich findet die richtigen Worte, um dieses Verbrechen an einem Kind zu beschreiben und die Sinne zu schärfen.

Schweigekind

von
Seitenzahl:
208 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Transit Verlag
Bestellnummer:
ISBN 978-3-88747-361-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 20.03.2018 | 12:40 Uhr

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