Gerhard Wolf: "Herzenssache" (Cover) © Aufbau

Gerhard Wolf: "Herzenssache"

Stand: 17.12.2020 12:07 Uhr

"Ich kann nur über mich schreiben, indem ich über andere schreibe", sagt Gerhard Wolf, Ehemann der 2011 verstorbenen Schriftstellerin Christa Wolf.

von Katja Weise

Mit Irmtraud Morgner war er befreundet und mit Walter Jens, mit Carola Stern und Günter Grass. Andere hat er geschätzt, war ihnen Förderer und Wegbegleiter. 92 ist Gerhard Wolf im Oktober geworden. Viele, von denen die Rede ist in diesem "Memorial", leben nicht mehr. Bei der Trauerfeier für Irmtraud Morgner hat er auf deren Wunsch eine Rede gehalten. Knapp ein Jahr vor ihrem Tod, sie war lange schon krank, rief sie ihn an:

"Ich habe seitdem auf meine Weise damit gelebt, immer diese Stimme im Ohr, die um ihr Ende wusste, stockend, aber bestimmt, waghalsig und hellsichtig, zupackend und arabesk - dieser plötzlich ausbrechende heitere Diskant bei untergründig dunklem Guttural - wie es im Reden, wie es anders im Schreiben ihre Art war", erzählt Gerhard Wolf in seiner Trauerrede im Mai 1990. Es folgt eine ebenso behutsame wie klare Würdigung von Irmtraud Morgner und ihrem Werk.

Gerhard Wolf stellt sich selbst nie in den Vordergrund

Wolf weiß die Menschen, um die es ihm geht, ins Rampenlicht zu rücken, ohne sich je selbst in den Vordergrund zu schieben. Doch versteht man mehr und mehr, wie viel er bewegt und möglich gemacht hat. Mit Günter de Bruyn gab er von 1980 und 1990 den "Märkischen Dichtergarten" heraus, mit Werken u.a. von Bettina und Achim von Arnim und Heinrich Heine. Beide waren in dieser Zeit freundschaftlich verbunden, doch änderte sich das nach der Wende. Wolf findet klare Worte dazu in einer Rede anlässlich einer Buchpremiere von de Bruyn im September 1993:

Unsere Interessen, um es auf eine banale Formel zu bringen, hatten sich voneinander entfernt und begegneten sich nicht mehr. Er fand endlich für sein Werk die weithin öffentliche Ehrung und Anerkennung, Wertschätzung als Erzähler und Essayist, die er verdient und in unseren Augen längst hatte, so dass manche Begleitmusik und Zungenschläge dazu mehr störten, als dass wir die Freude mit ihm darüber geteilt hätten. Er wiederum missbilligte manche unserer Entscheidungen und Auftritte während jener Wendezeit. Leseprobe

In auffallend vielen der in diesem Band versammelten Texte spricht Gerhard Wolf von "wir", wo eigentlich ein "ich" zu erwarten wäre. Christa Wolf, Frau, Freundin, Gefährtin in allen Lebenslagen und -fragen, ist damit immer präsent. 2004 sprach er mit ihr in der LiteraturWERKstatt Berlin über Volker Braun, Anlass war dessen 65. Geburtstag:

Gerhard Wolf: "Ich könnte nahezu ein halbes Jahrhundert des 20. und auch das erste Jahrfünft des 21. Jahrhunderts mit Volker Brauns Versblöcken pflastern, die er in ganz bestimmte Strecken eingeschlagen hat."
Christa Wolf: "Die immer noch Stolpersteine sind, Steine des Anstoßes, weil sie zu ihrer Zeit gesellschaftliche Zustände mit einem Satz, mit einem Schlag trafen. Von welchem zeitgenössischen Dichter könnte man das schon sagen." Leseprobe

Texte aus 30 Jahren Geistes- und Literaturgeschichte

So liest sich auch dieser dreißig Jahre umfassende Band wie ein Stück Geistes- und Literaturgeschichte des einst getrennten, dann vereinten Deutschlands. In einer Rede auf Walter Jens heißt es beispielsweise: "Ich weiß es zu schätzen, mit ihm in einem Land zu leben."

Davor hat Wolf bereits eine kluge Würdigung von dessen Werk geliefert - nachvollziehbar und plastisch. Er hat die Begabung, das wird bei der Lektüre dieser so verschiedenen Texte deutlich, zu vermitteln - und zwar nicht nur Wissen, sondern auch zwischen Menschen. Das zeigt das sehr persönliche Nachwort zur Neuausgabe des Briefwechsels zwischen den Freundinnen Christa Wolf und Brigitte Reimann:

Ich kann mich rühmen, ihn mit veranlasst zu haben, weil ich Christa von meinem Aufenthalt in Hoyerswerda ausführlich erzählte und auch Brigitte in ihrer Wohnung besuchte. Brigitte, die mir als Person ungemein gefiel, und vor allem imponierte mir, wie sie selbstbewusst und couragiert mit ihrer Krebsoperation umging. Leseprobe

Am Ende des Buches steht ein bisher unveröffentlichter Text

Wolf schließt das Buch mit einem bisher unveröffentlichten "Memorial" für die Auschwitz-Überlebende Franci Faktorová. Sie übersetzte Christa Wolf ins Tschechische, mit ihr verband das Paar eine Lebensfreundschaft. Eine eindringliche Würdigung, die er enden lässt mit Worten von Elias Canetti:

Jeder sieht eine dunkle und eine helle Gestalt zugleich, die sich ihm mit beklemmender Geschwindigkeit nähern. Mag sich die eine weghalten, um nur die andere zu sehen, es sind doch beide immer unablässig da. Leseprobe

Herzenssache

von Gerhard Wolf
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Aufbau
Bestellnummer:
978-3-351-03839-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.12.2020 | 12:40 Uhr

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