Stand: 19.06.2019 11:55 Uhr

Neuer Ani-Krimi: Zu viele Figuren, zu viele Themen

All die unbewohnten Zimmer
von Friedrich Ani
Vorgestellt von Peter Helling
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Die Handlung kommt schleppend in Gang und ist auch nicht sonderlich spannend.

Friedrich Ani hat einen neuen Roman geschrieben: "All die unbewohnten Zimmer". Mit dabei: vier seiner bekanntesten Ermittler. Darunter auch Kommissar Tabor Süden, dessen Fälle auch verfilmt wurden. Von Süden heißt es bei Ani, er bringe Verschwundenen ihren Schatten zurück. Ani wurde schon dreimal mit dem Deutschen Krimi-Preis geehrt, er ist Mitglied der Bayerischen Akademie der Künste und des Internationalen PEN-Clubs. Der in München lebende Autor schreibt auch Drehbücher, unter anderem mehrere für den Tatort, außerdem Lyrik und Theaterstücke.

Wer dieses München des Jahres 2019 erlebt, wird vielleicht angenehm überrascht sein: dreckig-abgründig. Die ermittelnden Kommissare und Detektive sind gebrochene Gestalten.

"Wir haben versagt, und alle Welt schaut zu; wie lebt man damit, Jakob? Verrate mir dieses Geheimnis. Wir sind Kriminalisten und können nicht mal den Mord an einem Mann aus unseren Reihen aufklären." Leseprobe

Mord in den eigenen Reihen

Ein junger Polizist ist erschlagen worden, liegt tot neben einem Bagger in Münchens Innenstadt. Was man weiß: Er ist zwei kleinen Jungs hinterher gerannt, die ein paar Äpfel geklaut haben. Die Aufklärung aber schleppt. Eine Serie von Pannen, falschen Spuren. Die Kommissare? Einer ist längst in Pension, spricht mit den Toten wie mit Geistern und stellt ihnen Keksteller hin. Der andere, Tabor Süden, hat eine indianische Trommel Zuhause und wirkt wie ein Schamane.

Der Leiter der ermittelnden Abteilung K 111, der legendären "Zwölf Apostel", ist ein ehemaliger Benediktinermönch. Die weibliche Hauptfigur und Ich-Erzählerin ist eine robuste Ermittlerin mit dunkler Vergangenheit, acht Jahre strafversetzt in die Provinz. Friedrich Ani spart also nicht mit Exoten - und Verschwundenen.

In unregelmäßigen Abständen besuchte er eine Kirche, um eine Kerze für all jene anzuzünden, deren Zimmer nach einem allumfassenden Unglück unbewohnt geblieben waren. Leseprobe

Die titelgebenden unbewohnten Zimmer: Es sind die seelenlosen Trabantenstädte, es sind heruntergekommene Hinterhof-Wohnungen. Leer stehende Einfamilienhäuser in Münchener Vorstädten: Orte, die kalt geworden sind.

Anstrengende Dialoge und Szenen wie Stillleben

Vier Kommissare ermitteln, pirschen sich an den Fall heran. Ohne es zunächst zu wissen, arbeiten sie einander zu. Trotzdem: Von klassischem Krimi-Plot, gar Spannung, kann beim neuesten Ani nicht die Rede sein. Zu viel Zeit lässt er sich beim Aufbau seines Anti-Milieus. Stattdessen ein buntes Figuren-Puzzle mit äußerst sprechenden Namen.

Neidhard Moll, Polonius Fischer, Ute Fromm, Georg Ohnmus - um dieses farbenfrohe Labyrinth aus Namen, Erzählsträngen und abgehalfterten Bars zu durchwandern braucht man als Leser Geduld. Viele Dialoge klingen angestrengt. Dann folgen Morde wie szenische Stillleben.

Die ganze Zeit lag das Obstmesser auf dem Teller bei zwei grasgrünen Äpfeln. Sie mochte keine Äpfel, sie hatte eine Allergie gegen Kernobst. Das Messer war da. Beim dritten Mal, als er aus der Küche zurückkam, sprang die tote Frau aus ihr, griff nach dem Messer und stach zu. Leseprobe

Friedrich Anis neuer Roman will die ganze Welt einfangen: Geflüchtete und Neonazis, gescheiterte Alleinunterhalter und vereinsamte Senioren. Szenen aus dem Aleppo des Bürgerkriegs, die fassen einen an. Aber wie passen sie zum Ganzen? Der Teppich, den Ani webt, zeigt ein düsteres Bild. Polizisten werden hier nur Lebensmüde und Unverbesserliche ,und die Friedhöfe bieten als einzige Orte tatsächlich einen Anflug von menschlicher Wärme.

Bei der Fülle an Details bleibt die Handlung auf der Strecke

Ani kann das: Das Schweigen erzählen. Die Zwischentöne. Aber: Im Überkolorit seiner Szenen bleibt die Handlung auf der Strecke. Alles lädt sich mit Bedeutung auf, Schuld tragen irgendwie alle. Was berührt, ist die Geschwisterliebe zwischen zwei Flüchtlingskindern. Sie spielen die zentrale Rolle.

Behutsam fuhr der Neunjährige mit einer Pfote des Stoffhasen über die Wange des Bruders; nichts passierte, wahrscheinlich träumte Mohamed wieder von was zum Essen, dachte Hasim, oder von Oma Afifa. Leseprobe

Am Ende wird die Krimihandlung in einem filmreifen Showdown heruntergerasselt. Der Roman verzettelt sich im Befindlichen, in der Sozialstudie. Es bleibt nur die trübe Aussicht:

Manchmal denke ich, vielleicht wohne ich gar nicht hier. Vielleicht komme ich bloß her, um zu träumen und wieder zu verschwinden - in die Wirklichkeit da draußen, von der es heißt, ich sei ein Teil von ihr. Leseprobe

All die unbewohnten Zimmer

von
Seitenzahl:
494 Seiten
Genre:
Krimi
Verlag:
Suhrkamp
Bestellnummer:
978-3-518-42850-4
Preis:
22,00 €

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