Stand: 11.04.2018 15:46 Uhr

Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner

Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner
von Francis Nenik
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Autor Francis Nenik hat die "Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert" aufgeschrieben, Dass er auf die weithin vergessene Geschichte Hasso Grabners aufmerksam wurde, ist purer Zufall.

Das 20. Jahrhundert mit seinen Irrungen und Wirrungen hat unzählige kuriose, atemberaubende, erzählenswerte Lebensgeschichten geschrieben. Eine davon (besonders kurios, atemberaubend und erzählenswert) hat ein junger Leipziger Autor ausgegraben, der sich das Pseudonym Francis Nenik gibt und nur mit seinen Texten und sonst gar nicht öffentlich in Erscheinung treten möchte: Es ist die wahre Geschichte des Hasso Grabner, der sich in extrem freiheitsfeindlichen Zeiten bemühte, ein freier Mensch zu bleiben. "Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert" hat Nenik das Buch genannt, in dem er sie erzählt.

Gegen die Stürme der Zeit

Es ist, wie wenn ein Orkan einen immer wieder zu Boden pustet. Man steht auf, wird erneut hingeworfen, steht wieder auf, findet sich abermals auf dem Boden - und bleibt dann lieber erst einmal liegen, bis der Sturm sich wieder verzieht. Hasso Grabner war anders: Er stand auch noch ein hundertstes und ein tausendstes Mal wieder auf. Liegen zu bleiben, davon hielt er nichts, weil er wusste: Der Sturm wird sowieso nie enden, da kann ich mich ihm auch gleich entgegenstellen - das kann mir keiner verbieten!

"Schließlich hat sich der bildungsfimmelige Marxist in ihm lange genug mit Dialektik befasst, um zu wissen, dass Verbotsschilder per se höchst seltsame Gebilde sind, da sie die Befriedigung eines Wunsches unter Strafe stellen, den sie unter Umständen selbst erst geweckt haben." Leseprobe

Für Hasso Grabner kann es nicht früh genug losgehen, das Aufstehen gegen die Stürme der Zeit. 1911 in Leipzig geboren, geht er schon als Jugendlicher zu den Kommunisten, und als die Republik krepiert und Hitler die Macht übernimmt, schreibt er weiter eifrig Flugblätter gegen den Faschismus und für die Weltrevolution. Die Gewalt ist vordergründig stärker als jede Schreibmaschine, Grabner kommt erst in den Knast, dann ins KZ. Aber klein kriegen ihn die Nazis nicht: Als sie ihn zum Sterben an die Front schicken, hilft er stattdessen lieber den griechischen Partisanen und kommt irgendwie davon. Grabner misst immer genau ab, wie viel Spielraum ihm zum Widerstand bleibt - und wenn es nur wenige Millimeter sind, sagt er sich: Sehr gut, die nutz ich aus. So erlebt er das Ende des Krieges und den Beginn einer neuen Zeit.

"Es ist, als müsse er die liegen gebliebene politische Arbeit der vergangenen elf Jahre binnen weniger Wochen nachholen. Also jagt er mit dem Rad von früh bis spät durch die Stadt, schmiedet, während seine dünnen Beine wie die Nadeln zweier Nähmaschinen unter ihm auf und nieder schießen, im Kopf allerlei Pläne und hört auch dann nicht damit auf, wenn er mal für einen Moment still steht. Aber das ist nur selten der Fall, und überhaupt macht Hasso Grabner am liebsten alles gleichzeitig, dampft durch sämtliche Gassen, hält Reden, organisiert Versammlungen, besorgt sich eine Schreibmaschine, hämmert Agitprop-Texte aufs Papier." Leseprobe

Mit pragmatischer Heiterkeit

Dass Francis Nenik, dieser lustvolle Erzähler, auf die weithin vergessene Geschichte Grabners aufmerksam wurde, ist purer Zufall - welche Irr- und Abwege ihn dahinführten, davon berichtet er im fabelhaften Nachwort, das dem 1976 verstorbenen Freigeist Grabner wohl gefallen würde. Gut gut, würde er sagen, ich habe mich lange genug versteckt, aber der da, dieser Nenik, der sollte mich entdecken: Der hat im kleinen Zeh mehr Gefühl für die Rasanz der Zeitläufte als Heerscharen professioneller Historiker in all ihren klugen Köpfen. Manchmal gerät er in einen Rausch, dann scheint er allzu verliebt in die eigene Schnoddrigkeit - aber das liest sich immer noch tausendmal besser als alles, was die Buchhalter der Geschichte uns so an Gelehrtem aufschreiben. Nenik zeigt uns, wie einer mit pragmatischer Heiterkeit seiner Zeit die Zunge rausstreckt und damit selbstverständlich auch bis an sein Lebensende den SED-Bonzen, egal, welche Position er selbst gerade bekleidet:

"Dann und wann überkommt es ihn. Dann dürfen die Damen während der Arbeit zum Friseur, die Männer in den Westen und der geordnete Lauf der Dinge seinen eigenen Weg gehen, wobei es generell den Eindruck hat, als halte der Genosse Grabner Dienstwege für nichts anderes als Reisebeschreibungen von Sesselfurzern." Leseprobe

Zur Nachahmung sehr empfohlen!

Reise durch ein tragikomisches Jahrhundert. Das irrwitzige Leben des Hasso Grabner

von
Seitenzahl:
192 Seiten
Verlag:
Voland & Quist Verlag
Bestellnummer:
978-3-86391-198-0
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 12.04.2018 | 12:40 Uhr

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