Buchcover: Feridun Zaimoglu - Bewältigung © Kiepenheuer & Witsch Verlag

Feridun Zaimoglus Annäherung an Hitler: "Bewältigung"

Stand: 08.09.2022 09:00 Uhr

Der Versuch des Kieler Schriftstellers Feridun Zaimoglu, einen Hitler-Roman zu schreiben, ist gescheitert. Stattdessen legt er den Roman eines Schriftstellers vor, der versucht, einen Hitler-Roman zu schreiben.

Buchcover: Feridun Zaimoglu - Bewältigung © Kiepenheuer & Witsch Verlag
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von Alexander Solloch

Es gibt da dieses Notizheft, das den Autor überallhin begleitet, nach Bayreuth, ins Salzburger Land, nach München, in die Gedenkstätte Dachau. Doch alles, was der Autor hineinschreibt an Gedanken und Ideen, verwischt ganz schnell ins Unkenntliche:

Der Autor hat das Gefühl, als habe ihm ein fremder Mann zwischen die Seiten gespuckt. Leseprobe

Ein norddeutscher Autor scheitert an Hitler-Roman

Der Autor ist ein norddeutscher Geschichtenerzähler mit türkischen Wurzeln: der lyrische Zaimoglu, könnte man sagen. Und der fremde Mann, der ihm immer in die Seiten spuckt: Das ist der, den er den "Österreicher" nennt oder das "Menschenschwein" oder schlicht "H."; manchmal auch: Hitler. Was will der Autor? "Begreifen" wolle er, heißt es gleich im ersten Satz noch einigermaßen entschlossen. "Den Beweis der Fasslichkeit des Österreichers" wolle er erbringen, heißt es viel später, nun schon um einiges holpriger: Da kann sich der Autor nur noch phrasenhaft einreden, er werde es schaffen, diesen Hitler-Roman zu schreiben. Er ahnt längst, dass das nicht stimmt.

Das Wirtshaus ist voller Stammgäste, die die Frau Wirtin wie eine Ballkönigin anstaunen, alles riecht so schön und gut und deutsch wie Butterbrot, er versteht, dass man eine dicke Suppe essen möchte, dass man sich dick und rund fressen will, manchmal reichen Milch und ein Gebäckstück, und bei kaltem Wetter tut man Cognac in den Tee, der Autor wird sich das noch einmal überlegen, ob er das Buch machen wird, die exzessive Grübelei macht geisteskrank, das bisschen Schläue wird ihm nicht helfen. Leseprobe

Wie soll das gehen: "Hitler werden"?

Feridun Zaimoglu ist ein radikaler Erzähler: Er will sich, nein - er sagt, er müsse sich seinen Figuren anverwandeln, nur so könne er sie von Grund auf verstehen. Wenn er über eine Magersüchtige schreibt, begibt er sich selbst in eine Essstörung hinein. Was aber, wenn er über Hitler schreibt? Wie soll das gehen: "Hitler werden"?

Der Autor muss sich vom Leben trennen. Er fühlt sich wie ein Geist, dem der Schrecken in den Augen sitzt. Diese Sache, diese Geschichte zwängt sich in alle Spalten hinein, in seinem Kopf sammelt sich Wissen, das in einzelne Sätze zerfällt. Hitler liebte Rohrnudeln mit Zwetschgen und viel Sahnesoße. Hitler saugte in Momenten starker Erregung an seinem kleinen Finger. Hitler trug auch im Sommer lange weiße Unterhosen. Schluss. Der Autor bezahlt und verlässt hastig das Lokal. Der graue Gefreite Hitler ist in ihm. Leseprobe

Erkenntnis wäre von einem Hitler-Roman nicht zu erwarten

Hitler macht aus dem Autor mit zunehmender Brutalität einen miserablen Schriftsteller. Dieser findet keine Worte mehr oder nur falsche. Er sagt es selbst nicht, aber der Leser spürt es doch peinvoll: Über diesen jämmerlichen Mann gibt es nur unerträglich Jammervolles zu erzählen, rein gar nichts Interessantes. Erkenntnis oder auch nur Anschauung wären von einem Hitler-Roman nicht zu erwarten. Die eigentlich entscheidende Frage lautet nicht: Wie macht man Hitler fasslich? Sondern:

Was macht ein Massenmörder, wenn ihm niemand bei der Arbeit hilft? Leseprobe

Diese Frage ist zu beantworten:

Der Autor stößt bei seinen Recherchen auf Hilfswillige, die Kinder in den Gaswagen pferchten. Die die Türen verschlossen. Die Auspuffgase in den Wagen leiteten. Die hörten, wie die Kinder schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien. Und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien und schrien. Die abwarteten. Die den Gaswagen zur Grube fuhren. Die die Türen öffneten. Die die toten Kinder in die Grube warfen. Volksrausch. Erhebung. Heil dem Führer. Leseprobe

Zu keinem Zeitpunkt bedauert man beim Lesen, dass aus dem Hitler-Roman nichts wurde. Aber ein literarisches Glück ist es, dass es diesen Roman über die Unmöglichkeit zu schreiben gibt; die schiere Verzweiflung, die in diesem Text steckt.

Es gibt kein Leben außerhalb der Tode im KZ. Es gibt keine Gegend außerhalb von Auschwitz. Es gibt kein Gegenteil von Gas. Leseprobe

Diese Verzweiflung macht Zaimoglu geradezu körperlich erlebbar: Sie schüttelt alle Sinne, alle Nerven durch.

Feridun Zaimoglu tritt mit seinem Buch im Rahmen der "Herbsttour" der Reihe "Der Norden liest" auf: am 1. November im Literarischen Salon in Hannover:

Weitere Informationen
von links nach rechts: Doris Dörrie, Feridun Zaimoglu, lldikó von Kürthy © Dieter Mayr/Kiepenheuer & Witsch/Sonja Tobias Foto: Dieter Mayr/Kiepenheuer & Witsch/Sonja Tobias

"Der Norden liest" - Terminübersicht

In der Reihe "Der Norden liest" präsentieren das Sonntagsstudio und das NDR Kulturjournal renommierte Autoren und Newcomer der Buchszene. Hier die kommenden Termine und alle Infos zur Herbsttour im Überblick. mehr

Bewältigung

von Feridun Zaimoglu
Seitenzahl:
272 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer&Witsch
Veröffentlichungsdatum:
8. September
Bestellnummer:
978-3462003482
Preis:
24,00 € €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Matinee | 08.09.2022 | 12:40 Uhr

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