Christian Kracht: "Eurotrash" © Kiepenheuer & Witsch

"Eurotrash": Christian Krachts Mutter-Sohn-Geschichte

Stand: 28.04.2021 08:24 Uhr

25 Jahre nach seinem gefeierten Debütroman "Faserland" hat der Schriftsteller Christian Kracht eine Fortsetzung geschrieben: "Eurotrash". Er ist nominiert für den Preis der Leipziger Buchmesse 2021.

von Andrea Gerk

In seinem legendären Erstling "Faserland" erzählte Christian Kracht den Road-Trip eines jungen, reichen Mannes, der quer durch die Bundesrepublik der späten Kohl-Jahre führte und in Zürich endete. Dort nimmt der Autor nun den Faden wieder auf und berichtet, wohin es den Erzähler dann in "Eurotrash" treibt.

Reise zur Mutter nach Zürich

Schon mit den ersten Sätzen scheint völlig klar zu sein, worum es in Christian Krachts neuem Roman "Eurotrash" geht. Der Ich-Erzähler ist unterwegs nach Zürich, wo seine kranke Mutter ihn dringend zu sprechen wünscht:

"Sie hatte angerufen, ich solle doch bitte mal rasch kommen, es war ganz unheimlich gewesen am Telefon. Und aus Nervosität darüber hatte ich mich das gesamte verlängerte Wochenende über so unwohl gefühlt, dass ich unter starker Verstopfung litt. Dazu muss ich außerdem sagen, dass ich vor einem Vierteljahrhundert eine Geschichte geschrieben habe, die ich aus irgendeinem Grund, der mir nun leider nicht mehr einfällt, Faserland genannt habe. Es endet in Zürich, sozusagen mitten auf dem Zürichsee, relativ traumatisch." Leseprobe

Ist der Ich-Erzähler Christian Kracht - oder nicht?

Ein unheimliches Trauma liegt auch als Grundton unter dieser traumartigen Erzählung, die gar nicht ist, wonach sie aussieht. Während auf vielen der derzeit so angesagten autofiktionalen Werke die Genre-Bezeichung "Roman" wie ein Etikettenschwindel wirkt, ist es bei "Eurotrash" eigentlich umgekehrt. Was von Anfang an nach Autofiktion aussieht, erweist sich im Laufe der Erzählung immer mehr als ebenso komplexes wie äußerst amüsantes poetisches Vexierspiel, inklusive eingestreuter Fehler, wie etwa ein falscher Plattentitel von David Bowie.

Wer also anfängt, die biografischen Eckdaten der Krachts zu googeln, wird, wie auch der Erzähler, bald nicht mehr wissen, was Wahrheit und Lüge - sozusagen im außermoralischen Sinn - unterscheidet. Denn auch die beiden Hauptfiguren, der Erzähler Christian und seine alkoholkranke Mutter, sind in diesem Sinne echte Erfindungen:

"Wusstest Du, dass wir gerade in einem Buch beschrieben werden? Wie bei Cervantes?", fragte sie.
"Don Quijote und Sancho Panza."
"Ja. Aber das waren erfundene Figuren. Wir sind echt."
"Wie können wir denn gleichzeitig echt sein und erfunden?" Leseprobe

Es geht auch um Abgründe in der Familie

Diese Grundfrage des Ästhetischen wird zur Triebfeder einer Komödie in Romanform, die auf unheimlich komische Weise vom Abgründigen erzählt. Denn tatsächlich geht es um die "zutiefst gestörte" Familie des Erzählers Christian Kracht, dessen Großvater ein strammer Nazi war, der jedoch nie darüber sprach. Es geht um Missbrauch - der Mutter und des Sohnes. Kracht berichtete 2018 davon in seiner Frankfurter Poetik-Vorlesung.

Es geht auch um den steinreichen Vater des Erzählers, der ebenfalls Christian hieß. Ein Parvenu, der als rechte Hand Axel Springers zwar Villen, Kunstwerke und Maßanzüge anhäuft, aber die Furcht "vor der eigenen niedrigen Herkunft" nie los wird. Vor allem aber ist da die 80-jährige alkohol- und tablettensüchtige Mutter, die mit Geld um sich wirft, teure Handtaschen und Schuhe hortet, von Klinik zu Klinik wandert und noch im Delirium messerscharf-zynische Sätze absondert. Eine unvergessliche, wunderbar exzentrische Frauenfigur: 

"Sie war eigentlich eine ganz außerordentliche Person. Und wenn sie nicht meine Mutter gewesen wäre, hatte ich gedacht, hätte ich sie vielleicht gerne kennengelernt." Leseprobe

"Eurotrash": Bizarrer Road-Trip von Mutter und Sohn

Etwas besser lernen sie sich auch kennen. Denn Mutter und Sohn staffieren sich mit Wodkaflaschen und Phenobarbital, mit Stomabeuteln und einer Plastiktüte voller Geld aus und gehen mit dem Taxi auf eine bizarre Reise durch die Schweiz. Sie landen bei einer vegetarischen Kommune, die sich als "schmuddelige Gemeinde von Nazigaunern" erweist.

Sie suchen Edelweiß und landen sinnigerweise zuletzt am Grab des Bücher-Heiligen Jorge Luis Borges, auf dessen Stein in altenglischer Sprache geschrieben steht: "Habt keine Angst". Denn wer es mit den Gespenstern seiner eigenen Geschichte aufnehmen will, muss erzählen und sich selbst neu erfinden, so wie Christian Krachts schillernder Roman es eindringlich zeigt.

Eurotrash

von Christian Kracht
Seitenzahl:
224 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Kiepenheuer & Witsch
Bestellnummer:
978-3-462-05083-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

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