Ronja von Rönne: "Ende in Sicht" © dtv

Amüsanter und einfühlsamer Roman von Ronja von Rönne

Stand: 13.01.2022 06:00 Uhr

Ronja von Rönne wurde mit ihrem Blog "Sudelheft" bekannt, war Autorin bei "Die Welt", nahm am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb teil, schrieb 2016 ihren Debütroman und arbeitet heute für "Die Zeit".

Ronja von Rönne: "Ende in Sicht" © dtv
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von Katja Eßbach

Das ist die Geschichte zweier Frauen, die unterschiedlich in Alter und an Lebenserfahrung sind, aber das gleiche Ziel haben: Sie wollen sterben. Die fünfzehnjährige Juli will deshalb von der Autobahnbrücke springen, während Hella, fast siebzig, in der Schweiz einen Termin bei einem Sterbehilfeverein hat. Ihre Wege kreuzen sich, als Juli springt: direkt vor Hellas Auto.

Zwei Frauen lernen einander besser kennen

Hella stürzte aus dem Auto mit einer Geschwindigkeit und Agilität, die sie sich selbst nicht zugetraut hätte. Instinktiv packte sie den Körper des Teenagers, der vor ihr lag, unter den Achseln und zerrte ihn mit aller Kraft zum grasbewachsenen Rand der Autobahn. Während ein paar Sattelschlepper mit osteuropäischen Kennzeichen an den beiden vorbeidonnerten, stand Hella unbewegt da, starrte außer Atmen auf dieses sich kaum regende Mädchen unter ihr. Leseprobe

Hella fährt die nur leicht verletzte Juli ins Krankenhaus und hofft, das Mädchen damit loszusein. Aber Juli will auf keinen Fall zurück zu ihrem alleinerziehenden Vater, zu in ihren Alltag, bestimmt durch Depressionen und Panikattacken - und Einsamkeit. Juli hat keine Freunde und glaubt längst nicht mehr daran, dass irgendjemand ihr helfen kann.

Der Verlust an Bedeutung ist für Hella unerträglich

Bei Hella liegen die Dinge anders, sagt Ronja von Rönne: "Hella ist wahrscheinlich das, was man im Deutschen, und nur im Deutschen, lebensmüde nennt. Ihr scheint die eigene Existenz nicht mehr sinnvoll, sie ist in die Isolation gerutscht, dann auch in die Einsamkeit und ihre besten Jahre liegen gefühlt hinter ihr."

Hella war Popsängerin und einigermaßen prominent. Jetzt würde es nur noch für Auftritte in Baumärkten reichen. Der Bedeutungsverlust ist zu verletzend für sie, einfach unerträglich.

Ihr Leben wurde immer leiser, ein Decrescendo, das sich schließlich als Fade-out entpuppte, aber es weigerte sich, endlich mal komplett zu schweigen, und machte es sich stattdessen tinnitusgleich in Hellas Grundstimmung gemütlich. Weil nichts nerviger ist als eine störende Geräuschkulisse, hatte sie sich schließlich entschieden, die Dinge nun endlich selbst in die Hand zu nehmen. Leseprobe

"Ende in Sicht": Spontaner Roadtrip Richtung Süden

Unter einem Vorwand fährt Juli weiter mit Hella gen Süden, ein gemeinsamer Roadtrip beginnt.

Ronja von Rönne kann schreiben. Das zeigt sie regelmäßig in ihren Artikeln. Sie ist darin oft sehr lustig, klug, provokant und auf den Punkt. Ein Roman aber ist kein journalistisches Format, er funktioniert anders. Und leider funktioniert "Ende in Sicht" nicht komplett. Zu sehr werden die Probleme der Protagonistinnen nur behauptet, beide Frauen wirken deshalb manchmal etwas klischeehaft und oberflächlich. Dass der Roman dennoch lesenswert ist, liegt am eigenwilligen Ton und einer Geschichte voller Melancholie, Feinfühligkeit und Witz.

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Kein Depressionsbuch - sondern hadernde Menschen im Mittelpunkt

Ein Depressionsbuch ist "Ende in Sicht" nicht, findet die Autorin: "Ich finde es eher spannender, über hadernde Menschen zu schreiben, als über die Hans Glücks dieser Welt. Im Mittelpunkt stand eigentlich die Reise von zweien, die eine Menge Mist überstehen müssen. Mist, den einem das Leben vor die Füße wirft. Und bei meiner jüngeren Heldin ist das nun mal auch das Kämpfen mit der Depression."

Juli und Hella geraten auf ihrer Reise zufällig auf ein Feuerwehrfest und lassen sich in einer Schwimmhalle einschließen, um dort zu übernachten. Im Laufe der Zeit fassen sie Vertrauen zueinander und lassen immer häufiger auch Nähe zu. Diesen Prozess beschreibt Ronja von Rönne sehr zart und berührend. Ohne das Ende vorweg nehmen zu wollen: Beide beginnen zu verstehen, dass man vor dem Tod ja auch einfach noch ein bisschen leben könnte.

Depression: Hilfe für Betroffene

  • Telefonseelsorge: anonyme, kostenlose Beratung rund um die Uhr, Tel. (0800) 111 0 111 oder (0800) 111 0 222
  • Kinder- und Jugendtelefon "Nummer gegen Kummer": kostenlose Beratung, Tel. 116 111. Elterntelefon: (0800) 111 05 50
  • Info-Telefon der Deutschen Depressionshilfe: Tel. (0800) 33 44 533. Die Deutsche Depressionshilfe bietet einen Selbsttest sowie eine Übersicht zu regionalen Angeboten.
  • Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Krankenkassen: 116 117.
  • Ambulanz der psychiatrischen Abteilung einer Klinik vor Ort - in jedem Fall bei Suizidgedanken.

Ende in Sicht

von Ronja von Rönne
Seitenzahl:
256 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
dtv
Bestellnummer:
978-3-4232-8291-8
Preis:
22,00 €

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