Stand: 17.09.2020 12:20 Uhr

"La Maison": Prostitution als Selbstversuch

von Alexander Solloch
Emma Becker: "La Maison" © Rowohlt
Die Erlebnisse und Erfahrungen anderer Prostituierter fließen in das Buch mit ein.

Ein Buch, das im vergangenen Jahr das französische Publikum elektrisiert hat, kommt jetzt nach Deutschland: "La Maison". Geschrieben hat es Emma Becker, eine junge Pariserin (mit deutscher Großmutter). Seit ein paar Jahren lebt sie in Berlin und ebendort spielt ihr Roman.
Gut, Berlin als Schauplatz in der französischen Literatur hat es in den vergangenen Jahren immer mal wieder gegeben, daran ist noch nichts Elektrisierendes. Aber Emma Becker hatte sich für dieses Buch, ihren dritten Roman, vorgenommen, Arbeit und Leben einer bestimmten Berufsgruppe genauer zu verstehen und darum diesen Beruf eine Zeit lang selbst auszuüben: den Beruf der Prostituierten. Jetzt also ist "La Maison" auf Deutsch erschienen.

Natürlich zögert man, ehe man dieses Buch beginnt. Nicht, dass es einem an Neugier mangelte, aber was kann man denn erwarten vom Erlebnisbericht einer jungen Frau, die auszog, im Bordell so ihre Erfahrungen zu machen? Eine dicke Schicht von Drama, Schweiß und Mief, nichts als Effekte, unter denen die Literatur zu schwinden droht.

Hure sein, um darüber zu schreiben

Selten hat eine Autorin alle Erwartungen so unterlaufen wie die fabelhafte Emma Becker. Schon nach wenigen Seiten weiß die Leserin (und der Leser weiß es auch): Dies ist ein besonderes Buch, und es zu lesen ist ein seltenes Glück. Ein Buch, das im scheinbar Absonderlichen das ganz Normale sucht.

"Eine Hure bleibt eine Frau. Sie hat einen speziellen Beruf, aber das macht keine spezielle Frau aus ihr", sagt Emma, eine Französin, 25 Jahre jung, Schriftstellerin mit besonderem Interesse an der menschlichen Wollust und ihrer Wirkung.

Im Jahr 2013 zieht sie von Paris nach Berlin, fasziniert von der Tatsache, dass in Deutschland, anders als in ihrem Heimatland, Prostitution erlaubt ist. Sie beschließt, selbst Hure zu werden, um darüber schreiben zu können.

Wenn ich nicht von diesen Frauen spreche, macht es niemand. Wird niemand nachsehen, was für Menschen in den Huren stecken. Hinter dem Panzer, hinter ein paar Zentimetern Haut, dem nach Belieben gemieteten Körper, von dem niemand erwartet, dass er einen Sinn hat, verbirgt sich eine augenfälligere Wahrheit als in jeder beliebigen nicht käuflichen Frau. Sie steckt nur in ihrem Hure-Sein, im vergeblichen Versuch, einen Menschen in eine Annehmlichkeit zu verwandeln, die die grundlegenden Parameter der Menschheit enthält. Leseprobe

"Ja, das bin ich!"

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Emma Becker © NDR

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Eines ist klar: So sehr auch "Roman" auf diesem Buch steht, die literarische Figur Emma ist die Autorin selbst, Emma Becker. "Ja, das bin ich! Mein Buch ist eigentlich Autofiktion, ich weiß nicht, ob man das auf Deutsch so sagt. Ich bin mein Hauptcharakter, aber die Fiktion liegt zum Beispiel in der Beschreibung der anderen Charaktere. Die Frauen, die mit mir im Haus arbeiten, sind nicht nur jeweils eine Frau, sondern zusammengesetzt aus den Erinnerungen an verschiedene Kolleginnen, erstens aus Respekt vor meinen Ex-Kolleginnen, und auch, weil das kein Memoirenbuch ist, kein Zeugnis. Es bildet vor allem eine Erfahrung ab, die ich mit mir selbst gemacht habe: Was bedeutet es für mich, eine Frau zu sein?", erklärt die Autorin.

"La Maison" nennt Emma Becker das Berliner Bordell, in dem sie zwei Jahre lang als "Justine" Männer befriedigt, genossen, erduldet, bemitleidet, erlebt hat. Sie erzählt, erstaunlich genug, von Momenten der Freiheit und Ungezwungenheit, die das Haus stellenweise geradezu als Paradies erscheinen lassen; sie erzählt sehr lustig von Momenten, in denen kommunikativ und physiologisch alles Denkbare schief geht.

Ein Paradies? Ja, aber...

Was aber diesen Roman literarisch so bedeutsam macht, ist seine abgründige Doppelbödigkeit. Emma kann ja noch so innig davon schwärmen, wie durch und durch menschenfreundlich es in "La Maison" zugehe - immer wieder fallen ihr die Geschichten ins Wort, dementieren sie auch: Denn natürlich sind auch Geschichten von Wut, Ekel, Selbstzweifel und Angst zu erzählen; auch von Gewalt. Schlimm ist es und schön in "La Maison" und also auf schillernde Weise normal.

Ich war so gern inmitten dieser Frauen, die lachten, wenn sie hätten heulen können, die auf alles pfiffen, die einander übers Haar strichen, um ihren Kummer zu lindern, weil sich das kleine Mädchen in mir an die Momente erinnert, in denen die Verzweiflung in astronomischer Ferne gehalten wurde, weil immer all diese Menschen um mich waren, die ich am Geruch erkannte. Leseprobe

"La Maison", von Claudia Steinitz wunderbar in ein rotzig-poetisches Deutsch übersetzt, ist eine Feier des menschlichen Lebens, die einen in ein paar Stunden durch alle Gefühlslagen jagt. Von Emma Becker, die im Bordell Deutsch gelernt hat, lernen wir Französisch, jedenfalls die tiefere Bedeutung dieses Seufzers: C’est la vie.

La Maison

von
Seitenzahl:
384 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00690-7
Preis:
22,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 18.09.2020 | 12:40 Uhr

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