Stand: 01.09.2019 12:40 Uhr  - NDR Kultur

"Eine Geschichte des Windes": Roman von Raoul Schrott

Eine Geschichte des Windes
von Raoul Schrott
Vorgestellt von Alexander Solloch
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Autor Raoul Schrott hat auch Homers "Ilias" neu übersetzt. Jetzt geht es um die Umsegelung der Welt 1519.

Ein "Herkules der Dichtkunst" ist er mal von einem Kritiker genannt worden: Raoul Schrott, der österreichische Übersetzer, Lyriker und Erzähler. "Herkules der Dichtkunst", das ist natürlich zum einen massiv übertrieben, andererseits auch nicht nur abwegig: Immerhin ist ihm kein literarisches Unterfangen zu aufwendig, um es nicht doch zu probieren - die Möglichkeit des Scheiterns immer inbegriffen.

Raoul Schrott hat - unter heftigen Buh-Rufen der Fachwissenschaftler - Homers "Ilias" neu übersetzt, danach mit "Erste Erde" leichthin ein Epos über die Entstehung der Welt gedichtet und zuletzt einen fulminanten literarischen Fund, den nachgelassenen Roman eines angeblichen Martin Schneitewind, neu übersetzt. Jetzt ist bei Hanser sein neuer Roman erschienen, und schon der Titel ist Ausdruck seiner Ambition: "Eine Geschichte des Windes oder Von dem deutschen Kanonier, der erstmals die Welt umrundete und dann ein zweites und ein drittes Mal".

Der tiefere Sinn fehlender Seitenzahlen

Dieses so schön gemachte Buch, mit dem auf alte Weise rau geschnittenen Papier und dem herrlichen Kupferstich einer Weltkarte aus dem 16. Jahrhundert im Umschlag, weist ein formales Ärgernis auf für den Kritiker, der doch immer nach Orientierung lechzt und beim Lesen gern wissen will, wie viel er schon geschafft hat: Es fehlen die Seitenzahlen. Ist das eine Marotte, ist das Koketterie?

Und wenn es so wäre - es ergibt doch einen tieferen Sinn: Denn Raoul Schrott erzählt in seinem Roman von einem Mann, der auch nie weiß, wo genau er jetzt eigentlich steckt und wie lange seine Reise noch dauert. Der Leser verliert sich im Buch wie Hannes aus Aachen im Meer:

"Ah - die lang erhofften Momente: wie kurz sie sind! Das Meer voraus aufglitzernd und offen, Gischt vor dem Bug, der Geruch von Teer und Holz und frischer Farbe, Wind im Mund, und wie er in den Tauwerken singt, sobald man Fahrt macht. Ich wünschte nur, man könnte in der Verheißung verharren und all das Miserable, das einen erwartet, hintan halten. Die See wird nicht von ungefähr 'Mar' geheißen: was von der Bitterkeit herrühren soll, Amargura, welche sie einem alsbald beweist. Die Seekrankheit ist das Geringste daran, obwohl selbst die erfahrensten Matrosen sich dann halbtot fühlen und bloß mit der Peitsche in die Wanten zu bringen sind. Doch das vergeht, während das Meer einem weiterhin vorführt, dass die Menschen auf ihm nichts verloren haben." Leseprobe

Hannes aus Aachen heuert bei Ferdinand Magellan an

Eine Vorführung, die der Mensch natürlich nicht hinreichend ernst nimmt: Irgendetwas will er, will Hannes aus Aachen, dem Meer abgewinnen, wenn er auch nicht genau weiß, was eigentlich: ein Abenteuer? Eine Erkenntnis? Die Bestätigung der eigenen Tapferkeit?

Hannes, der weitgehend unbemittelte Kanonier, heuert jedenfalls im Jahr 1519 auf einem der Schiffe des Seefahrers Ferdinand Magellan an, der mit seiner Weltumseglung Ruhm und Ehre (und nebenbei auch: Besitz) der spanischen Krone mehren soll. Kurz nur währt die Aufbruchs-Euphorie; dann machen Magellans despotisches Kommando, blutige Meutereien, Hunger und das Gefühl totaler Verlorenheit jeden Tag auf hoher See zur unendlichen Qual.

"Ich lernte, dass niemandem und nichts zu trauen war, weder dem Wind noch dem heiseren Luftschnappen herrschaftlicher Ansprüche, welche alle Heiligen vom Himmel herabschwören, bloß um sie dann einzeln aufgezählt zu kriegen. (…) Die Welt ist ein Karneval, bei dem man lieber seinem Fleisch gleich Ade sagt." Leseprobe

Nur 18 kehren von der Weltumsegelung zurück

Hunderte sind damals mit Hannes aufgebrochen; gerade 18 kehren nach drei entbehrungsreichen Jahren zurück. Der junge Kanonier könnte jetzt versuchen, sich auf den Schwingen des bescheidenen Ruhms als Weltumsegler sein Auskommen zu verschaffen, er könnte sich auch endlich einmal der Liebe hingeben. Aber er muss doch wieder raus aufs Meer, immer und immer wieder. Es ist kein Loskommen von den unverstandenen Naturgewalten - vor allem nicht von der einen:

"Man hat den Wind selten im Rücken. Oft kommt er gar von vorn, zumeist jedoch von der Seite - um einen damit vom Kurs abzubringen: er stellt eine Widrigkeit dar, welcher man Fahrt abgewinnen muss." Leseprobe

Glänzendes Buch - vor allem an den verborgenen Rändern

Aber woher er kommt, wohin er geht - der Wind, der Mensch, der Hannes aus Aachen -, es ist nicht zu begreifen. Ein glänzendes Buch, glänzend vor allem an den verborgenen Rändern, in den kleinen Beobachtungen, beiläufigen Gedanken und lustigen Seitenhieben, die sich der Weltbürger Raoul Schrott ausgedacht hat zum Spott über all die Krähwinkeleien unserer Zeit:

"Der Autor dankt der Sektion II, Abteilung V, des dem österreichischen Gemeinwesen unterstellten Bundeskanzleramtes für die Unterstützung bei diesem Stück Heimatgeschichte." Leseprobe

Am Donnerstag eröffnet Raoul Schrott übrigens das Literaturfest Niedersachsen in Hannover, hält eine Ermutigungsrede und liest aus seinem neuen Buch. NDR Kultur zeichnet den Abend auf und sendet ihn am 24. November im Sonntagsstudio.

Eine Geschichte des Windes

von
Seitenzahl:
324 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Hanser
Bestellnummer:
978-3-446-26380-2
Preis:
26,00 €

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NDR Kultur | Neue Bücher | 02.09.2019 | 12:40 Uhr

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