Stand: 30.01.2020 13:30 Uhr  - NDR Kultur

Das Leben ganz unten - ein Erfahrungsbericht

Ein Mann seiner Klasse
von Christian Baron
Vorgestellt von Andrea Gerk

Der Armutsbericht, der im Dezember herauskam, zeigte für 2019 einen leichten Rückgang der sogenannten Armutsquote (auf 15,5 Prozent). Zugleich ist aber auch die Kluft zwischen wohlhabenden und ärmeren Regionen größer geworden. Noch immer gelten rund 20 Prozent der Kinder in diesem Land als arm.

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Der Autor erzählt die Geschichte eines Jungen, der mit einem prügelnden Vater und in Armut aufwächst.

Der Journalist Christian Baron, Redakteur bei der Zeitung "der Freitag", gehörte zu ihnen. Er wuchs in den 90er-Jahren in Kaiserslautern in prekären Verhältnissen auf - und hat jetzt - nach einem Sachbuch über soziale Diskriminierung - ein Buch über seine Kindheit in schwierigen Verhältnissen geschrieben: "Ein Mann seiner Klasse".

Im "roten Wedding", dem ehemaligen Berliner Arbeiterbezirk, wohnt Christian Baron seit fünf Jahren. In manchen Straßen leben hier fast 70 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in Armut.

Wie sich das anfühlt, wenn man hungert, nicht dazugehört, sich schämt, weiß Christian Baron aus eigener Erfahrung: "Jetzt wo ich Mitte 30 bin, da ziehen manche in ihr Eigenheim. Ich erzähle jetzt die Geschichte meiner schwierigen Kindheit. In der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur ist es so, dass wir sehr viele tolle Geschichten haben, aber fast nichts erfahren von ganz unten. Das ist ein wichtiger Impuls für mich gewesen, mich dann auch nackt zu machen und diese Geschichte zu erzählen. Damit bekannter wird, wie das Leben da unten so ist."

Gewalt in der Familie und nie genug Geld

"Ganz unten", das bedeutete für Christian Baron und seine drei Geschwister nicht nur schimmelige Wände, schlechte Kleidung und nie genug Geld, sondern auch die ständige Konfrontation mit einem stark trinkenden, gewalttätigen Vater: "Wenn er irgendeinen Frust von der Arbeit nach Hause getragen hat, wenn er körperlich zu kaputt war, um noch gute Laune zu haben, es konnte sehr schnell kippen bei ihm. Auch dadurch, dass er das Gefühl hatte, ich arbeite hier jeden Tag fleißig, und trotzdem komme ich nicht über die Runden, trotzdem komme ich nicht weiter. Das hat er dann leider sehr häufig an meiner Mutter und auch an uns Kindern ausgelassen", erinnert sich Baron.

Christian Baron hat auch positive Erinnerungen

Während in Frankreich Autorinnen wie Annie Ernaux, Didier Eribon und Edouard Louis ihre prekäre Herkunft analysiert haben, versucht Christian Baron in seinem Buch weniger, etwas zu erklären. Vielmehr erzählt er einfühlsam von Menschen, die nie eine Chance hatten, deren Leben in Politik, Literatur oder Medien kaum vorkommt und die trotz Gewalt, Alkoholsucht und materieller Not auch viele schöne, lustige - also ganz und gar menschliche - Momente miteinander erlebt haben:

"Diese positiven Erinnerungen, die im Buch großen Raum einnehmen, die habe ich über viele Jahre hinweg komplett verdrängt. Erst in den letzten vier, fünf Jahren bin ich zu einem Punkt gekommen, ein differenziertes Bild von ihm zu bekommen. Das lag vor allem daran, dass ich immer mal wieder mit meinem Bruder über meinen Vater gesprochen habe, der nämlich einen ganz anderen Weg gefunden hat, diese Sache zu verarbeiten. Ich habe die kompliziertesten Bücher gelesen, viel Theorie in meinem Soziologiestudium; und er sagt mir dann einfach vor ein paar Jahren diesen Satz: Du musst halt verstehen, unser Vater war halt der, der er wegen seiner Herkunft sein musste", erzählt der Autor.

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Ohne Mutter wuchs Christian Barons Vater in den Händen eines prügelnden, schwer trinkenden Vaters auf. Für ihn, der sein Leben lang ein "working poor" blieb, waren die Startvoraussetzungen noch viel schwerer als für ihn selbst und seine drei Geschwister, glaubt Christian Baron. Denn als die Mutter mit nur 32 Jahren an Krebs starb, nahm ihre Schwester, Tante Juli, die vier Kinder zu sich. Sie und eine engagierte Grundschullehrerin setzten sich für den begabten Jungen ein, den trotz guter Noten kein Gymnasium nehmen wollte.

"In Deutschland gibt es eine Trennung, da werden die Bildungsweichen früh gestellt. Nach der Grundschule muss man quasi schon entscheiden, ob man Abitur machen wird oder nicht, insofern ist es in dieser Klassengesellschaft, wie es die deutsche ist, überhaupt nicht möglich, aus eigener Kraft da rauszukommen. Also es hat diese Türsteher geben müssen, die an den verschiedensten Punkten waren und interessanterweise überwiegend weiblich."

Ein Mann seiner Klasse zeigt: Soziale Herkunft bleibt immer präsent

Ohne derartige Unterstützung könne man es in unserer Gesellschaft nicht schaffen, sagt Christian Baron, der trotz seines gelungenen Bildungsaufstiegs davon überzeugt ist, dass man seine soziale Herkunft nicht los wird:

"Ich kann da von Redaktionskonferenzen beim ‚Freitag’ berichten, bei dem ich als Redakteur angestellt bin. Bei denen habe ich immer das Gefühl: Die, von denen ich weiß, dass sie eine andere soziale Herkunft haben, die haben so etwas wie ein Geheimnis in sich, das ich nicht entschlüsseln kann. Ich nehme die anderen so wahr, dass die viel entspannter sind, sich in ihrer natürlichen Umgebung befinden, während ich immer das Gefühl habe, nicht ganz dazuzugehören."

Unsentimental und ohne zu moralisieren zeigt Christian Baron in seinem gut geschriebenen, oft auch amüsanten Buch, dass die sogenannten Abgehängten keine naturgegebene "Kaste" bilden, sondern Menschen voller Sehnsucht und Ehrgeiz nach einem gelingenden Leben sind. Er zeigt auch, dass es die Aufgabe einer Gesellschaft ist, diese Chance auch wirklich allen zu geben.

Ein Mann seiner Klasse

von
Seitenzahl:
288 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Claassen
Bestellnummer:
978-354-610000-7
Preis:
20,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 31.01.2020 | 12:40 Uhr