Stand: 11.11.2019 14:06 Uhr

Reich und despotisch - eine böse Mischung

King Goshawk und die Vögel
von Eimar O'Duffy, aus dem Englischen von Gabriele Haefs
Vorgestellt von Annemarie Stoltenberg

Hier ist eine echte Entdeckung zu machen: Der 1926 veröffentlichte Roman des Iren Eimar O'Duffy erscheint jetzt zum ersten Mal in deutscher Übersetzung und entpuppt sich als atemberaubende Satire auf das Ende der kapitalistischen Welt, die endgültige Privatisierung. Erzählt wird von irischen Mythen und Helden im Kampf gegen das Böse und doch ist es ein Roman von erstaunlicher Aktualität und Sprachkraft: "King Goshawk und die Vögel".

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O'Duffys skurrile Geschichte erinnert an Douglas Adams' "Per Anhalter durch die Galaxis".

Es beginnt mit einem Kopfkissengeplauder: King Goshawk, König der Industriellen, schenkt seiner Frau Guzzelinda alle Singvögel der Welt. Nicht, weil sie das unbedingt möchte, sondern einfach, weil er es kann. Ein irischer Philosoph will dann verhindern, dass dabei alle Singvögel umgebracht werden, und eine wilde, sprachgewaltig geschilderte Tour de Force beginnt, in der irgendwie alles vorkommt, was unser modernes Leben ausmacht. Überall herrscht Krieg - und sei es der um Steuern und Abgaben. Der reiche Goshawk echauffiert sich:

Warum werden keine Steuern auf Tee und Zucker erhoben, auf dass die gemeinsame Last auch auf den gemeinsamen Schultern laste? Mit solchen Überlegungen brachte er sich dermaßen in Rage, dass seine Galle alle Dämme seiner Leber durchbrach und sein Gedärm überflutete, und er wäre da und dort geplatzt, wenn nicht zwei Ärzte, die immer für ihn bereit standen, eine blitzschnelle Diagnose gestellt, ihn stehenden Fußes operiert und auf diese Weise sein kostbares Leben gerettet hätten. Und so lebte der reiche Mann weiter und konnte weiter knurren. Leseprobe

Rasante Geschichte von überraschender Aktualität

Müßig zu sagen, dass das Leben anderer kaum etwas wert ist in dieser rasanten Geschichte. Ein Knabe, kaum alt genug zum Sterben, wird in den Krieg eingezogen und von einem Auto überfahren. Danach wird der Besitzer des Autos entschädigt für den Schaden am Fahrzeug. Der im Text sogenannte Philosoph sorgt nach allerhand anderen Ereignissen dafür, dass ein mythischer irischer Held namens Cuanduine zur Erde kommt, um für eine bessere Welt zu streiten. Mit seinen Augen betrachtet, wirkt die moderne Gesellschaft, die hier etwa von den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts aus bis in die nahe Zukunft, 40 Jahre weiter, betrachtet wird, durch und durch verrückt.

Treffsichere Satire auf das herrschende System

O'Duffy nimmt die heilige Kongregation um den Geist des Glaubens an die Geheimnisse der Wirtschaft und der Ehrfurcht vor den Wirtschaftsgesetzen, die für das reibungslose Funktionieren des Finanzsystems notwendig sind, in seiner bösen, treffsicheren Satire aufs Korn. Es gibt zahlreiche Anspielungen auf Zeitungen, Kleinanzeigen sind eingestreut, Plakate, Songs, mitunter meint man James Joyce durch den Text stiefeln zu sehen. Cuanduine passt nicht in die irdische Welt, spiegelt sie aber hervorragend. Einmal wird das Pferderennen in Ascot beschrieben:

Dort saß King Goshawk auf seinem königlichen Sitz und Königin Guzzelinda saß neben ihm. Die beiden Ölkönige waren da, der Bananenkönig, ein Teekönig und ein Baumwollkönig, jeder mit seiner Familie, der König von England mit seiner Familie, mehr als dreihundertfünfzig Monopolisten und einige wenige entschlossene Angehörige der Aristokratie. Geradezu schwindelerregend waren die Formen der Kleider und Hüte und Sonnenschirme, die dort zu sehen waren. Nur eines störte das glanzvolle Bild. Es wurde beobachtet, teilten die Zeitungen mit, dass die Königin von England ein Kleid trug, das schon zu einer früheren Gelegenheit seine Pflicht getan hatte. Leseprobe

Grandiose Übersetzung

Erstaunlich sind in diesem Roman die Beschreibungen eines Krieges in Europa, dessen wahre Ursache oder Bedeutung niemand kennt. Wer dennoch danach fragt, wird sofort zum Schweigen gebracht.

In der grandiosen Übersetzung von Gabriele Haefs finden sich auf jeder Seite mindestens zwei Wörter, die vom Aussterben bedroht sind und hier Aufschub oder gar Rettung erfahren.

Eimar O'Duffy, der 1935 als Mann zwischen allen Stühlen starb, geplagt von Schmerzen und Geldsorgen, war ein Idealist, der mit seiner Wut und seinem Zorn die politischen Verhältnisse nicht nur seiner Zeit beleuchtet hat.

King Goshawk und die Vögel

von
Seitenzahl:
200 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Alfred Kröner
Bestellnummer:
978-3-520-60701-0
Preis:
20,00 €

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