Edgar Selges Autobiografie: "Hast du uns endlich gefunden"

Stand: 22.10.2021 11:56 Uhr

Schauspieler Edgar Selge gehört zu denen, die den Text beim Spielen intellektuell durchdringen und ist ein sensibler Verkörperer von Worten. Nun hat er selbst ein Buch veröffentlicht - über seine Kindheit.

Cover von Edgar Selges "Hast Du uns endlich gefunden" © Rowohlt
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von Katja Weise

Ich geh mal üben, sagt mein Vater, verschwindet im Flügelzimmer und macht hinter sich die Tür zu. Beinahe jede freie Minute verbringt er an seinem Instrument und übt. Ich bleibe im Flur stehen und habe eigentlich nichts zu tun. Es ist aber gar nicht so langweilig für mich. Ich kann zuhören oder Selbstgespräche führen. Leseprobe

Der Vater, so schreibt Selge, war ein "besonders gut klavierspielender Gefängnisdirektor" - im westfälischen Herford leitete er eine Jugendstrafanstalt. Die regelmäßig stattfindenden Hauskonzerte waren die wichtigsten Ereignisse im Jahr: Vormittags spielte Dr. Selge für die "Jungs aus der Anstalt", abends für die Akademiker-Freunde. Die ganze Familie war in Aufruhr. Der Sohn erzählt davon aus kindlicher Perspektive.

Kindheit in einer bürgerlichen Familie der 60er-Jahre

"Das ist, glaube ich, ganz wesentlich, dass dieses Buch nicht über ein Kind erzählt, sondern dass ein Kind es erzählt, ein Kind, das noch vorm Stimmbruch ist - ob es 13 oder 10 oder 12 ist, manchmal ist es auch 6, ist eigentlich egal. Worum es mir gegangen ist, ist, das Innenleben eines Kindes zu schildern, die Lebendigkeit, mit der dieses Kind die Ereignisse empfindet", erklärt der Autor.

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Edgar Selge © Muriel Liebmann

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Dieses Kind, das, so Selge, mehr mit ihm zu tun habe als "jedes andere Kind", ist ein sensibles, fast eigenbrötlerisches, das gerne "zündelt" - explosive, politische Diskussionen zwischen den beiden älteren Brüdern und den Eltern regelrecht inszeniert; Geld klaut, um ins Kino gehen zu können und auf der Obstbaumwiese Schlachten nachspielt, mit Vaters Lieblingsbirnen als Bomben. Der zweite Weltkrieg war noch nicht lange zu Ende.

Selge erzählt die Geschichte aus Kinder-Sicht

"Letzten Endes geht es mir schon darum, eine deutsche Familie aus dem Bildungsbürgertum um 1960 in ihrer Allgemeingültigkeit zu zeigen, auch in ihrer Problematik, die natürlich mit der deutschen Geschichte zusammenhängt. Gleichzeitig ist es der Entwurf einer Einsamkeit, einer sehr einsamen Kindheit."

Beides gelingt. Selge findet einen klaren Kinder-Ton, der nie künstlich oder kindisch gerät, erzählt packend, auch ergreifend aus dem Alltag. Zwei Brüder hat er verloren, ein jüngerer starb mit 19, ein älterer als Kind, bei dem Versuch, eine Handgranate mit einem Krocketschläger zu öffnen. Wie er die Trauer der Eltern schildert, geht unter die Haut. Nie verliert sich Selge im Gefühligen oder gar in Selbstmitleid. Regelmäßig bezog er vom Vater für seine Lügen und seine Diebstähle Prügel.

Auch Prügel gehörten zur Erziehung

Mit sicherem Griff holt er sich oben vom Kleiderschrank, wo auch die Schüsseln mit den Weihnachtsplätzchen abgestellt werden, den Rohrstock. Dann packt er mein Genick und biegt meinen Körper über die Ehebetten. Das hölzerne Fußteil drückt sich in meinem Unterbauch ab, der heiße Urin rinnt mir ins Hosenbein. Leseprobe

Der 73-jährige Autor Edgar Selge hat beim Schreiben irgendwann genug und fragt sich: "Was ist eigentlich los mit Dir, Edgar? Wovor schämst Du Dich? Komm, sag es, spuck es aus." Und dann kommt dieser Satz: "Ich will keiner sein, der den liebt, der ihn schlägt. So." Dieser Satz ist ein Widerspruch, er sagt: "Das ist ein Widerspruch, der gezeigt werden möchte."

Hörbuch "Hast du uns endlich gefunden" von Edgar Selge

Argon-Verlag
Ungekürzte Lesung von Edgar Selge selbst
mp3-CD, 8 Std. 30 Min. Laufzeit
ISBN 978-3-732419326
MP3-CD: 24,95 Euro
Download: 19,95 Euro

"Hast du uns endlich gefunden" ist ein wunderbares Debüt, klug, emotional, bewegend und mit einem leisen Witz, den man auch von dem Schauspieler Edgar Selge kennt. Er wird weiter schreiben - und spielen. Ein Glück.

Hast du uns endlich gefunden

von Edgar Selge
Seitenzahl:
304 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Rowohlt
Bestellnummer:
978-3-498-00122-3
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.10.2021 | 12:40 Uhr

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