Michael Göring: "Dresden"  (Cover) © Osburg

"Dresden": DDR-Roman von Michael Göring

Stand: 20.04.2021 12:40 Uhr

Dresden ist nach der Wende zu einem regelrechten Touristenmagnet geworden. Aber wie lebten die Menschen dort vor 1989, in der DDR? Dieser Frage geht Michael Göring in seinem neuen Roman auf den Grund.

Michael Göring: "Dresden"  (Cover) © Osburg
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von Maren Ahring

30. September 1989 - im Garten der Prager Botschaft warten tausende DDR-Bürger seit Wochen auf gute Nachrichten. Es ist kurz vor sieben Uhr abends, als Hans-Dietrich Genscher auf dem Balkon erscheint: "Ich bin heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass heute ihre Ausreise..."

Einer, der diesen Satz hört und gleich am nächsten Tag in einen Zug in den Westen steigt, ist Kai aus Dresden. 29 Jahre alt, Fotograf, Gelegenheitsmusiker und wegen versuchter Republikflucht vorbestraft. Seine Geschichte verwebt Michael Göring in seinem Roman mit der Geschichte Fabians.

Alltag in der DDR

Im Sommer 1975 fährt Fabian aus Paderborn mit seinem Kumpel Till zum ersten Mal zu den Gersbergers nach Dresden, Freunde seiner Familie. Der klapprige VW-Käfer beladen mit Kaffee, Waschmittel und Schokolade, die beiden Studenten mit diversen Fragen:

Er wollte nicht glauben, dass in der DDR alles schlecht wäre. Im Osten war’s sicher nicht so rosig, wie die Typen von der Marxistischen Gruppe an der Uni erzählten. Aber immer nur marode und rückständig? Wahrscheinlich stimmte das gar nicht. Leseprobe

Die Gersbergers geben dem Westbesuch einen Einblick in ihren Alltag in der DDR - Nacktbaden im See inklusive. Zusammenhalt und Loyalität werden groß geschrieben. Über die Jahre reist Fabian in regelmäßigen Abständen nach Dresden und es entsteht eine sehr enge Beziehung zwischen ihm und der Familie.

Gescheiterter Fluchtversuch

Als deren Sohn Kai 1978 aus der DDR fliehen will, erwischt wird und im Zuchthaus landet, ist die Bestürzung groß - gerade bei seinem Vater Ekkehard:

"Hier ist einiges im Argen, […] aber zu fliehen ist die Flucht vor der Verantwortung. Wir können hier 'ne Menge verbessern, und genau das sehe ich als unsere Aufgabe, aber nicht wegrennen." Leseprobe

Doch Kai kann und will sich nicht mit dem System arrangieren. Und auch Ekkehard zweifelt immer mehr an der Reformierbarkeit der DDR, vor allem als ein Kollege von ihm nicht mehr von einer Auslandsreise zurückkehrt.

Ein Roman mit Gänsehautpotential

Der Roman "Dresden" ist eine warmherzige Familien- und Freundschaftsgeschichte. Michael Göring nimmt uns mit in die DDR: Manchmal meint man die Zweitakter riechen zu können, oder glaubt, selbst über die rundgefahrenen Kopfsteinpflasterstraßen zu rumpeln. Göring weiß, wovon er schreibt, er war selbst in den 1970er-Jahren häufig in der DDR zu Besuch. Inzwischen sei er jedoch erschüttert, wie wenig die Menschen in Deutschland noch vom Alltag in der DDR wüssten - oder die Erinnerung durch Ostalgie geschönt sei, sagte er jüngst in einem Interview.

Die stärksten Momente hat das Buch, wenn Michael Göring von Kais Ausreise erzählt - wenn man als Leser mit im Zug von Prag nach Hof sitzt am 1. Oktober 1989.   

In diesem Moment kommen Geräusche aus dem Gang, da ist Unruhe, Gelaufe. Jens schiebt die Abteiltür auf und schon hören sie von allen Seiten "Stasi" und "Personalausweise" und "Nee, mach' ich nich!" und allgemeines Gerufe. Leseprobe

Die Hoffnung der Botschaftsflüchtlinge gepaart mit Angst und Verunsicherung, dass es vielleicht doch in letzter Minute nicht klappen könnte - und dann die Erleichterung, den Westen erreicht zu haben, das hat Gänsehautpotential.

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Dresden

von Michael Göring
Seitenzahl:
300 Seiten
Genre:
Roman
Verlag:
Osburg Verlag
Bestellnummer:
978-3-95510-243-2
Preis:
24,00 €

Dieses Thema im Programm:

NDR Kultur | Neue Bücher | 21.04.2021 | 12:40 Uhr

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